Im Rahmen des Projekts EnStadt:Pfaff war das Fraunhofer IESE Teil eines Forschungskonsortiums, welches sich der Frage stellte, wie ein klimaneutrales Stadtquartier auf dem ehemaligen Pfaffgelände in Kaiserslautern entwickelt werden kann. Knapp 10 Jahre später stellen wir uns der Frage wie Digitalisierung und klimaneutrales Wohnen inzwischen bei Bürgern wahrgenommen und gelebt werden. Rund 200 Personen aus ganz Deutschland gaben Einblick in ihre Alltagserfahrungen, Wünsche und Erwartungen rund um digitale Dienste. Die Ergebnisse sind eindeutig: Der Wille und das Vertrauen in digitale Lösungen sind in der Bevölkerung vorhanden, aber es fehlt an Lösungen und am Wissen über sie.


Definition

Klimaneutrales Wohnen bezeichnet die Reduktion von Treibhausgasemissionen im Wohnumfeld durch energetische Sanierung, erneuerbare Energien und digitale Steuerungssysteme.


Vertrauens-Vorschuss

86 % der Bürger sind überzeugt, dass digitale Anwendungen ein klimaneutrales Leben unterstützen können.


Sichtbarkeits-Lücke

60 % der Befragten nehmen in ihrem direkten Wohngebiet keine digitalen Veränderungen wahr.


Hauptproblem

60 % vermissen passende digitale Angebote im öffentlichen Raum – besonders in den Sektoren Gesundheit, Pflege und smarte Mobilität.

Vom Modellquartier zur bundesweiten Umfrage

Ende 2017 startete das Fraunhofer IESE gemeinsam mit neun Partnern das Projekt EnStadt:Pfaff. Das Ziel: ein klimaneutrales Stadtquartier auf dem ehemaligen Pfaffgelände in Kaiserslautern. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur Beton und Bebauungspläne, sondern die Frage, wie Digitalisierung ein Quartier lebenswerter, nachhaltiger und smarter machen kann. Themen wie Energie, Mobilität, Gebäude und Wertschöpfung wurden aus einer digitalen Perspektive beleuchtet, um konkrete digitale Dienste für die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner zu schaffen. Über die entstandenen Dienste haben wir in unserem IKT Abschlussbericht sowie auf diesem Blog geschrieben.

Im Folgeprojekt EnStadtPfaff 2 rückte der Wissenstransfer in den Vordergrund. Die Erkenntnisse aus mehreren Jahren Projektarbeit sollten nicht in wissenschaftlichen Berichten verbleiben, sondern für Bürgerinnen und Bürger zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig suchten wir den Dialog:

  • Welche der entwickelten Lösungen erfüllen im Alltag tatsächlich einen Nutzen?
  • Wie nehmen Menschen digitale Dienste in ihrem Wohnumfeld wahr und wie können sie ein klimaneutrales Leben unterstützen?

Genau das wollten wir mit einer bundesweiten Umfrage herausfinden. Die Ergebnisse sollen helfen, bestehende digitale Dienste gezielt weiterzuentwickeln und neue Lösungen von Anfang an aus der Perspektive der Menschen zu denken.

Wer hat teilgenommen?

Rund 200 Personen aus ganz Deutschland haben an der Umfrage teilgenommen. Die Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen war mit 26 Prozent am stärksten vertreten. Insgesamt waren rund 68 Prozent der Befragten älter als 35 Jahre. Die Geschlechterverteilung war ausgeglichen.

Ein wichtiger Hinweis für die Einordnung: Die Teilnehmenden waren überwiegend Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen. Das haben wir bei der Auswertung berücksichtigt, denn Studien zeigen, dass neben dem Alter auch der Bildungsgrad eine entscheidende Rolle für die digitale Affinität spielt. Ein wichtiger Hinweis für die Einordnung: Die Teilnehmenden waren überwiegend Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen. Das haben wir bei der Auswertung berücksichtigt, denn Studien zeigen, dass neben dem Alter auch der Bildungsgrad eine entscheidende Rolle für die digitale Affinität spielt12.

Digitalisierung bleibt privat, das Wohnumfeld verändert sich kaum

Das Smartphone ist das mit Abstand etablierteste Gerät und ist dabei zugleich die Schaltzentrale für vieles andere, denn rund 42 Prozent der Befragten nutzen zusätzlich Smart-Home-Anwendungen. Ob smarte Lampe, Heizungssteuerung oder Fitness-Tracker, gesteuert wird meist per App. So hat die Digitalisierung längst auch die eigenen vier Wände erreicht.

Mit dem Blick vor die Haustür ändert sich das Bild jedoch deutlich. 60 Prozent geben an, in ihrem Wohngebiet bislang keine digitalen Veränderungen wahrgenommen zu haben.

Welche digitalen Dienste nutzen Sie derzeit?

Großes Vertrauen, aber die Angebote fehlen

Gleichzeitig ist das Vertrauen in digitale Lösungen groß. 86 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Digitalisierung klimaneutrales Wohnen und Leben unterstützen kann. Umso deutlicher fällt eine Lücke auf: 60 Prozent sagen, dass ihnen digitale Angebote fehlen, die sie gerne nutzen würden. Das ist ein klares Signal, dass das vorhandene Angebot die tatsächlichen Bedürfnisse noch nicht ausreichend trifft. Besonders sichtbar wird das beim Thema Gesundheit und Pflege. Rund die Hälfte aller Befragten wünscht sich hier mehr digitale Unterstützung im Alltag, und zwar über alle Altersgruppen hinweg. Auch smarte Mobilität und ein besserer öffentlicher Nahverkehr, hier wurde beispielsweise der Wunsch nach Bus-Liverouten genannt, gehören zu den meistgenannten Wünschen.

Spielt das Alter noch eine Rolle?

Vor der Umfrage hatten wir zwei Vermutungen:

  1. Jüngere Menschen sind digital affiner.
  2. Smart-Home-Dienste werden eher von Menschen über 35 genutzt, weil in dieser Lebensphase häufiger ein Eigenheim und bessere finanzielle Möglichkeiten vorhanden sind.

Die erste Vermutung deckt sich weitgehend mit der Fachliteratur. Allerdings ist das Alter nicht allein ausschlaggebend, auch der Bildungsgrad spielt eine wichtige Rolle345.

Bei der zweiten Vermutung lohnt sich ein genauerer Blick. In unserer Umfrage lag die Nutzung von Smart-Home-Produkten und Fitness-Trackern bei den über 35-Jährigen zwar jeweils rund fünf Prozentpunkte höher. Aufgrund des hohen Akademikeranteils unter den Teilnehmenden lässt sich die Hypothese mit unseren Daten allerdings weder sicher bestätigen noch verwerfen.

Die breitere Datenbasis von Bitkom zeigt ein differenzierteres Bild. 2022 nutzten in Deutschland 52 Prozent der 16- bis 29-Jährigen mindestens eine Smart-Home-Anwendung, aber nur 18 Prozent der Menschen ab 65. Zwischen 16 und 64 Jahren gibt es dagegen kaum Unterschiede. Die entscheidende Grenze verläuft also nicht bei 35, sondern erst im höheren Alter6.

Interessant ist dabei die Entwicklung, denn die Bedenken der älteren Generation sind rückläufig. Gaben 2021 noch 48 Prozent der über 65-Jährigen an, dass ihnen die Bedienung von Smart-Home-Anwendungen zu kompliziert ist, waren es 2022 nur noch 29 Prozent. Und mit 16 Prozent ist diese Altersgruppe zugleich diejenige, die am seltensten angibt, dass Smart-Home-Anwendungen zu teuer sind. Das passt zu unserer Ausgangsüberlegung.

Ein weiterer Befund von Bitkom deckt sich mit unserer Umfrage. 90 Prozent der Befragten wünschen sich eine klare Kennzeichnung, ob eine Smart-Home-Anwendung einen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Auch unsere Ergebnisse zeigen, dass für unsere Befragten zwischen Digitalisierung und Klimaneutralität eine Verknüpfung gesehen wird.

Welche Hürden sind Ihnen bisher bei der Nutzung digitaler Dienste begegnet?

Was schlussfolgern wir daraus? 

Digitale Lösungen müssen sichtbar werden. Viele Menschen nehmen digitale Angebote im öffentlichen Raum kaum wahr. Es braucht mehr Wissen über neue Lösungen und ihren konkreten Nutzen. Zusätzlich passiert objektiv deutlich mehr, als die Befragten wahrnehmen7. Dennoch müssen sich Forschung und Entwicklung an den tatsächlichen Bedarfen orientieren, allen voran bei Mobilität, Nahverkehr sowie Gesundheit und Pflege.

Für welche Themen wollen Sie digitale Dienste intensiver nutzen?

Datenschutz von Anfang an mitdenken. Datenschutzbedenken gehören zu den meistgenannten Hürden. Datenschutz darf deshalb kein nachträgliches Feature sein, sondern muss von Beginn an in die Entwicklung digitaler Dienste einfließen.

Nutzbarkeit konsequent verbessern. Viele Anwendungen werden als zu kompliziert empfunden. Einfachere Bedienkonzepte und regelmäßige Nutzertests sind notwendig, um digitale Dienste zugänglicher zu machen.

Ältere Zielgruppen aktiv einbinden. Ältere Bevölkerungsgruppen nutzen bestimmte digitale Dienste bereits intensiv und haben häufig konkrete Ideen für neue Lösungen. Sie sollten stärker in Entwicklungs- und Beteiligungsprozesse einbezogen werden. Im demografischen Wandel darf dieser Punkt nicht vernachlässigt werden, sonst wird ein großer Teil der Nutzerinnen und Nutzer ausgeschlossen. Zugänglichkeit heißt dabei auch, Lösungen sozial zu denken: Klimaneutralität durch digitale Dienste darf kein akademisches Thema bleiben, denn Hochschulabsolventen spiegeln nicht die Mehrheit der Bevölkerung wider.

Nur was genutzt wird, hilft dem Klima

Dass Digitalisierung klimaneutrales Leben unterstützen kann, zeigen viele Bereiche des Alltags. Smarte Steuerung von Heizung, Beleuchtung oder Haushaltsgeräten kann den Energieverbrauch senken, und wer den eigenen Verbrauch in Echtzeit sieht, verhält sich Studien zufolge bewusster8.

Zugleich äußern einige Befragte grundsätzliche Zweifel, und die sind berechtigt. Digitale Infrastruktur erzeugt selbstlaufende Verbräuche, und smarte Systeme können Probleme mitunter verschieben, statt sie zu lösen. Hinzu kommt die Sorge, dass Digitalisierung als Ersatz für strukturelle Entscheidungen verstanden wird. Ob ein Quartier klimaneutral wird, hängt letztlich auch von Bauweise, Energieversorgung und Mobilitätsinfrastruktur ab. Digitale Lösungen können unterstützen, aber sie ersetzen diese Grundlagen nicht. Und selbst der beste digitale Dienst nimmt dem Menschen die eigentliche Handlung nicht ab, etwa die korrekte Mülltrennung.

Die Befragung macht damit vor allem eines deutlich: Digitale Lösungen entfalten ihre Wirkung nur, wenn sie an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen ansetzen. Sorgen rund um Datenschutz, Komplexität oder den ökologischen Nutzen sind keine Randmeinungen, sondern relevante Signale für Forschung und Entwicklung.

Denn ein digitales Produkt, das nicht verwendet wird, trägt nichts bei. Erst durch die tatsächliche Nutzung entsteht der Mehrwert für ein klimaneutraleres Leben. Der Weg dorthin führt über den Dialog mit der Bevölkerung, über das Verstehen von Alltagsrealitäten und über Lösungen, die nicht an den Menschen vorbei entwickelt werden.

Praxisbeispiel: Digitale Ideen aus dem Reallabor

Wie digitale Lösungen für ein klimaneutrales Wohnumfeld konkret entstehen, zeigen wir im Pfaff-Hack: Im Rahmen des Projekts EnStadt:Pfaff entwickelten Studierende und Nachwuchstalente innovative Prototypen für smarte Quartiersdienste auf dem ehemaligen Pfaff-Gelände in Kaiserslautern.

Mehr erfahren: Projekt-Einblicke & Prototypen aus dem Pfaff-Hack entdecken


Referenzen

  1. https://www.rwi-essen.de/publikationen/suche/detail/digitale-kompetenzen-in-deutschland-eine-bestandsaufnahme-5064 ↩︎
  2. https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.ihk-siegen.de/fileadmin/user_upload/Presse/Wirtschaftsreport/2020/05/Wirtschaftsreport_Mai_2020.pdf&ved=2ahUKEwiEhZOPypCVAxUYSPEDHU-sJcoQFnoECCAQAQ&usg=AOvVaw123PKrlrbysuSvxyZ5FlZy ↩︎
  3. https://initiatived21.de/publikationen/d21-digital-index/2024-25 ↩︎
  4. https://www.rwi-essen.de/publikationen/suche/detail/digitale-kompetenzen-in-deutschland-eine-bestandsaufnahme-5064 ↩︎
  5. https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.ihk-siegen.de/fileadmin/user_upload/Presse/Wirtschaftsreport/2020/05/Wirtschaftsreport_Mai_2020.pdf&ved=2ahUKEwiEhZOPypCVAxUYSPEDHU-sJcoQFnoECCAQAQ&usg=AOvVaw123PKrlrbysuSvxyZ5FlZy ↩︎
  6. https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Das-intelligente-Zuhause-Smart-Home-2022 ↩︎
  7. https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Smart-City-Index-Grossstaedte-Mobilitaet-Digitalisierung ↩︎
  8. https://ariadneprojekt.de/news-de/menschen-zum-energiesparen-motivieren-100-studien-aus-25-laendern-zeigen-wie-es-gehen-kann/ ↩︎