Digitale Lösungen für Kommunen gibt es viele. Plattformen für Bürgerbeteiligung, Gesundheitsangebote, Mobilität, Ehrenamt, Datenräume, Cloud-Services, Verwaltungsleistungen oder Beratungsangebote entstehen in Förderprojekten, bei öffentlichen IT-Dienstleistern, in Start-ups und bei etablierten Anbietern. Doch genau darin liegt eine der größten Herausforderungen: Wie sollen Kommunen sich in dieser Vielfalt noch zurechtfinden? Ein guter digitaler Marktplatz kann hier zu einem zentralen Werkzeug der Verwaltungsdigitalisierung werden. Nicht als bloßes Schaufenster für digitale Produkte, sondern als strukturierte, vertrauenswürdige und nutzerfreundliche Infrastruktur, die Angebot und Nachfrage im öffentlichen Sektor zusammenbringt sowie Beispiele, Strategien und Bedarfe veranschaulicht.
Warum digitale Plattformen für die Digitalisierung von Kommunen entscheidend sind?
Digitale Plattformen sind längst in unserem aller Alltag angekommen. Wir suchen Unterkünfte über Airbnb, vergleichen und kaufen Produkte bei Amazon, buchen Arzttermine über Doctolib oder downloaden Apps aus dem App-Store. Durch die Bündelung von Angeboten auf diesen digitalen Plattformen, schaffen sie Orientierung, reduzieren langwierige Suchen und machen so Entscheidungen einfacher. Im öffentlichen Sektor ist dies besonders relevant, weil Beschaffung, Nachnutzung und Betrieb digitaler Lösungen häufig in komplexe Strukturen eingebettet sind und somit weitere Komplexitäten den Prozess nur erschweren. Für Kommunen bedeutet Digitalisierung selten, nur eine einzelne Software einzuführen. Meist geht es darum, lokale Bedarfe mit bestehenden Lösungen, Finanzierungslogiken, Betriebsmodellen, Schnittstellen wie XÖV, FIT-Connect oder BundID und Verwaltungsprozessen in Einklang zu bringen, um Medienbrüche zu vermeiden und eine nathlose Integration in die bestehende IT-Landschaft zu ermöglichen.
Eine digitale Plattform kann die Komplexität der Verwaltungsdigitalisierung zwar nicht vollständig auflösen, aber dazu beitragen sie besser zu beherrschen. Genau darin liegt ihr Mehrwert.
Ein digitler Marktplatz bietet konkreten Mehrwert für Kommunen:
- Weniger Suchaufwand bei der Recherche nach passenden Tools.
- Keine Doppelentwicklungen durch das Teilen bereits erprobter Lösungen.
- Schnellere Skalierung von guten Praxisbeispielen in die Fläche.
- Höheres Tempo von der ersten Idee bis zur finalen Umsetzung in der Kommune.
Übersichtlichkeit und Zugänglichkeit: Der erste Test ist die Orientierung
Ein Kommunenmarktplatz ist nur dann hilfreich, wenn er nicht selbst zum nächsten Problem wird. Die erste Frage lautet daher: Finden kommunale Mitarbeitende schnell das, was sie suchen?
Gerade kleinere Städte, Gemeinden und Landkreise verfügen häufig nicht über die Zeit, die personellen Ressourcen oder das technische Spezialwissen, um den Markt systematisch zu sondieren.
- Welche Lösung passt zum eigenen Bedarf?
- Welche Anbieter gibt es?
- Welche Lösung ist bereits in anderen Kommunen im Einsatz?
- Welche Anforderungen an Datenschutz, IT-Sicherheit, Barrierefreiheit, Betrieb, Schnittstellen oder Vergabe müssen berücksichtigt werden?
- Wie lässt die Lösung an bestehende Fachverfahren anbinden?
- Und wie lässt sich verhindern, dass jede Kommune immer wieder bei null beginnt?
- Was ist überhaupt der Bedarf der Kommune?
Um das zu erreichen, reicht eine bloße Auflistung von Produkten und Dienstleistungen nicht aus. Vielmehr ist eine Strukturierung der Angebote anhand kommunaler Anwendungsfälle wie Mobilität, Bürgerbeteiligung oder Verwaltungsleistungen zielführend. Dadurch wird die Komplexität für Kommunen deutlich reduziert, da sie sich gezielt auf die aktuell für sie relevanten Lösungen konzentrieren können. Zudem bieten nutzerfreundliche Plattformen häufig die Möglichkeit, gezielt nach relevanten Faktoren wie Zielgruppe, Kostenmodell oder technischen Voraussetzungen zu filtern.
Zugänglichkeit bedeutet auch, unterschiedliche Wissensstände zu berücksichtigen. Da verschiedene Rollen innerhalb der Verwaltung mit unterschiedlichen Perspektiven und Suchlogiken an das Thema herangehen, sollte ein guter Marktplatz zwischen fachlichem Bedarf und technischer Lösung vermitteln. Er beantwortet daher nicht nur die Frage »Welche Software gibt es?«, sondern auch: »Wofür kann ich sie einsetzen? Was muss ich vorher klären? Wer kann mich unterstützen?«
Zugänglichkeit bedeutet aber auch, dass bestehende Hürden möglichst niedrig sind und wenn sie doch da sind, leicht überwunden werden können. Das gilt ganz besonders für den Bereich der Vergabe.
Ein guter Marktplatz zeigt daher nicht nur, was es gibt, sondern führt Kommunen schnell und verständlich durch die rechtlichen Rahmenbedingungen:
- Welches Kostenmodell passt?
- Welche Anforderungen muss die Kommune erfüllen?
- Und wie sieht der Beschaffungsweg aus?
Der einfache Klick auf »Jetzt kaufen« ist im öffentlichen Sektor meist keine Option. Genau hier unterscheidet sich ein nutzloser Katalog von einem echten Nutzen: Ein Marktplatz, der das Vergaberecht ernst nimmt und Kommunen aktiv bei der Beschaffung unterstützt, wird vom bloßen Lieferantenverzeichnis zum strategischen Partner.
Vergleichbarkeit: Anbieter sichtbar machen, fundierte Auswahl treffen
Marktplätze leben von Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit. Für Kommunen ist es wichtig zu wissen, wer hinter einer Lösung steht, welche Leistungen tatsächlich enthalten sind und welche Abhängigkeiten entstehen können. Eine gute Anbieterübersicht sollte daher nicht nur Logos zeigen, sondern auch vergleichbare Informationen wie Umsatz, Zertifikate, Mitarbeiter etc.
Sichtbarkeit ist auch für Anbieter von zentraler Bedeutung. Gerade kleinere Lösungsanbieter oder spezialisierte Dienstleister erhalten über einen Marktplatz Zugang zu öffentlichen Auftraggebern, die sie sonst nur mit hohem Akquiseaufwand erreichen würden. Der Marktplatz fungiert somit als niedrigschwelliger Vertriebskanal, der Reichweite erhöht und Markteintrittshürden reduziert.
Anbieter profitieren davon, ihre Leistungen in einem strukturierten und vergleichbaren Umfeld zu präsentieren. Standardisierte Informationen zu Leistungsumfang und Einsatzbereichen erleichtern es potenziellen Kunden, Angebote einzuordnen und Vertrauen aufzubauen. Auf diese Weise kann ein Marktplatz nicht nur Kommunen bei der Orientierung unterstützen, sondern auch die Sichtbarkeit innovativer Anbieter stärken und so einen faireren und innovationsfreundlicheren Markt für digitale Verwaltungslösungen beitragen.
Usability: Kommunen brauchen keine weitere Expertensoftware
Usability ist auch im öffentlichen Sektor kein »Nice-to-have«. Sie entscheidet darüber, ob ein digitales Werkzeug im Alltag genutzt wird oder nicht. Ein Kommunenmarktplatz muss daher so gestaltet sein, dass auch Personen ohne tiefes IT- oder Vergabewissen passende Lösungen oder Dienstleistungen finden.
Grundlage dafür ist eine klare Informationsarchitektur: Inhalte sollten logisch strukturiert, einheitlich aufbereitet und möglichst frei von unnötigem Fachjargon sein. Intuitive Such- und Filterfunktionen unterstützen dabei, schnell und einfach relevante Angebote zu identifizieren. Dabei ermöglichen diese einen bedarfsorientierten Einstieg, indem zentrale Fragen, z.B. nach Zielgruppe, Art der Lösung oder Kosten, als Einstieg gestellt werden.
Eine hohe Usability sorgt somit nicht nur für eine bessere Nutzererfahrung, sondern ist auch die Voraussetzung dafür, dass ein Kommunenmarktplatz im Arbeitsalltag tatsächlich angenommen wird. Sie reduziert Unsicherheiten, beschleunigt Entscheidungsprozesse und hilft, den Weg von der ersten Orientierung bis zur konkreten Umsetzung deutlich zu verkürzen. So wird der Marktplatz vom reinen Informationsangebot zu einem praktischen Werkzeug für die digitale Transformation in Kommunen.
Kuratierung und Vertrauen: Qualität muss erkennbar sein
Ein Marktplatz für den öffentlichen Sektor darf nicht einfach alles aufnehmen, was technisch irgendwie funktioniert. Kommunen brauchen Vertrauen. Dieses Vertrauen entsteht durch klare Aufnahmekriterien, geprüfte Informationen und nachvollziehbare Qualitätsmerkmale. Kuratierung bedeutet dabei nicht, Wettbewerb einzuschränken. Im Gegenteil: Gute Kuratierung schafft die Voraussetzungen dafür, dass Wettbewerb auf Basis vergleichbarer und relevanter Kriterien stattfinden kann. Dazu gehören beispielsweise IT-Sicherheit (z.B. BSI-Grundschutz), Interoperabilität, Support und Wirtschaftlichkeit, die insbesondere bei Open-Source-Lösungen oftmals nicht sofort ersichtlich sind. Durch Kuratierung und das Zugänglichmachen dieser Lösungen entsteht eine informative und klare Übersicht mit großem Mehrwert.
Lokale Marktplätze und Zentralität: Kein Entweder-Oder
Eine häufig gestellte Frage lautet: Brauchen wir lokale, landesweite oder bundesweite Marktplätze? Die Antwort lautet: Ja zu allen, aber mit klaren Rollen.
Lokale und regionale Marktplätze haben große Stärken. Sie kennen die Bedarfe vor Ort, können regionale Netzwerke sichtbar machen und niedrigschwellige Zugänge schaffen. Gerade in Smart-City- und Smart-Region-Projekten sind lokale Kontexte entscheidend: Eine Lösung für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum, ein digitales Ehrenamtsportal oder eine Plattform für die Nahversorgung entfalten ihren Nutzen nur, wenn sie zur Region, zu den vorhandenen Akteuren und zu den bestehenden Prozessen passen. Gleichzeitig kann zu viel Dezentralität zu neuer Fragmentierung führen. Wenn jedes Land, jede Region oder jedes Förderprogramm eigene Marktplätze, eigene Produktprofile und eigene Bewertungslogiken entwickelt, wird es für Kommunen wieder schwieriger, sich zu orientieren. Zentralität bedeutet daher nicht, lokale Besonderheiten zu ignorieren. Sie bedeutet vielmehr, gemeinsame Standards, einheitliche Suchräume und interoperable Strukturen zu schaffen.
Das Ziel ist ein Marktplatz für Kommunen, der Gegensätze produktiv vereint:
- Zentral & Föderal: Zentral auffindbar und gleichzeitig föderal anschlussfähig.
- Sichtbar & Offen: Lokale Lösungen sichtbar machen, statt sie in lokalen Silos einzusperren.
- Vergleichbar & Individuell: Bundesweite Vergleichbarkeit ermöglichen, ohne regionale Bedarfe zu vernachlässigen.
Deutschland.Digital und die Überführung in den MDD
Der vom Fraunhofer IESE entwickelte Marktplatz DEUTSCHLAND.DIGITAL veranschaulicht, wie ein solcher Ansatz aus der Perspektive digitaler Daseinsvorsorge aussehen kann. Im Mittelpunkt steht die Vermittlung von Lösungen und Dienstleistungen sowie die zentrale Kontaktaufnahme zwischen Kommunen und Lösungsanbietern beziehungsweise Beratenden. Die Angebote werden kuratiert, um einen hohen Qualitätsstandard der Inhalte zu sichern. Zusätzlich erhalten Open-Source-Lösungen mittels eines neutralen, KI-gestützten Services eine automatisierte Bewertung, die unter anderem Hinweise zur Nachnutzbarkeit, Aktualität und Zugänglichkeit bietet. Der Marktplatz wird in seiner Förderlaufzeit als zentraler, bundesweiter Marktplatz entwickelt und versucht Anschlüsse an lokale Angebote, beispielsweise durch die Integration des Smarte Region Hessen Marktplatz, zu erzeugen.
Nach der Förderung im Jahr 2026 wird der Marktplatz DEUTSCHLAND.DIGITAL in den sogenannten Marktplatz Deutschland Digital (MDD) übergehen. Ziel des MDD ist es, die bisher fragmentierten föderalen Strukturen zu bündeln und einfachen, transparenten und rechtssicheren Zugang zu gewährleisten. Hierbei sollen unter anderem der FIT-Store, der EfA-Marktplatz und das Cloud-Service-Portal zusammengeführt und einfacher zugänglich gemacht werden. Darüber hinaus werden andere Marktplätze wie der Marktplatz der KI-Möglichkeiten (MaKI) oder DEUTSCHLAND.DIGITAL angebunden oder integriert, um bereits bestehende Strukturen und Inhalte zu nutzen und eine zentrale Anlaufstelle für Verwaltungsleistungen der Kommunen zu bieten.

Fazit: Ein zentraler Baustein für die Verwaltungsdigitalisierung
Ein Kommunenmarktplatz ist keine alleinige Lösung für die Herausforderungen der Verwaltungsdigitalisierung. Der Marktplatz ersetzt keine Strategie, keine Bedarfserhebung, keine Finanzierung und keine organisatorischen Veränderungen. Aber er kann ein entscheidender Wegbereiter sein, indem er sichtbar macht, was bereits existiert, Vergleich und Nachnutzung erleichtert und durch Struktur sowie Kuratierung Vertrauen schafft. Zugleich stärkt eine solche Plattform Anbieter, die gute Lösungen für den öffentlichen Sektor entwickeln. Kommunen wiederum profitieren davon, Entscheidungen nicht jedes Mal isoliert treffen zu müssen. Damit Plattformen im öffentlichen Sektor wirken können, müssen sie mehr sein als digitale Produktregale. Sie müssen Orientierung geben, Qualität sichtbar machen und Brücken bauen: zwischen Kommunen und Anbietern, zwischen lokalen Bedarfen und zentralen Strukturen sowie zwischen Forschung, Verwaltung und Markt.
Genau hier liegt die Chance von DEUTSCHLAND.DIGITAL, MDD und der weiteren Zusammenführung bestehender Marktplatzansätze. Wenn es gelingt, Übersichtlichkeit, Transparenz, Usability, Kuratierung und föderale Anschlussfähigkeit konsequent zusammenzudenken, kann ein Kommunenmarktplatz zu einem echten Beschleuniger der digitalen Transformation in der Verwaltung werden.
