Mehr als Technik: Was digitale Daseinsvorsorge in Smart Regions bewirkt

Viele Maßnahmen aus dem Bereich Smart City und Smart Region haben das Ziel, digitale Daseinsvorsorge zu stärken und damit die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Doch wie kann gemessen werden, ob dieses Ziel tatsächlich erreicht wird und ob die Menschen in den Regionen Veränderungen überhaupt wahrnehmen? Genau diese Frage steht im Mittelpunkt einer Studie, die das Fraunhofer IESE gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Urbanistik (difu) durchgeführt hat. Dieser Blogbeitrag gibt einen Überblick über die Studie, zeigt die Wirkungen, die Menschen in fünf Regionen im Alltag wahrgenommen haben, und bietet erste Hinweise, wie auch Sie diese Wirkungen in Ihren eigenen Projekten erzielen können.

Was bedeutet digitale Daseinsvorsorge?

Die Daseinsvorsorge im ländlichen Raum unterliegt einer stetigen Weiterentwicklung. Die Anforderungen haben sich durch gesellschaftlichen Wandel, demografische Veränderungen und technologische Innovationen grundlegend verändert [1] . Besonders im ländlichen Raum führen Faktoren wie Bevölkerungsrückgang, Alterung und ökonomische Unsicherheiten zu komplexen Herausforderungen bei der Aufrechterhaltung einer angemessenen Versorgung [2].

 

Digitale Daseinsvorsorge bezeichnet den gezielten Einsatz digitaler Technologien, Infrastrukturen und Angebote, um grundlegende Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Mobilität, Bildung und Nahversorgung zu sichern und weiterzuentwickeln. Ziel ist es, gleichwertige Lebensverhältnisse zu fördern und die Teilhabe aller Menschen zu stärken, unabhängig davon, wo sie leben.

Digitale Ansätze bieten neue Möglichkeiten. Doch ihre Wirkung zeigt sich nicht allein in Kennzahlen. Entscheidend ist auch, was die Menschen vor Ort tatsächlich wahrnehmen und erleben, denn nur wenn digitale Angebote mit dem Alltag der Bevölkerung harmonieren, entstehen Akzeptanz und nachhaltige Nutzung.

Studie: Wie wurde die Wirkung von Digitaler Daseinsvorsorge gemessen?

Bewährte Ansätze zur Wirkungsmessung wie das IOOI-Schema (Input, Output, Outcome, Impact) sind methodisch fundiert, in der praktischen Anwendung aber häufig voraussetzungsvoll. Die vorliegende Studie erweitert diesen Ansatz daher gezielt um die subjektive Wahrnehmung der Akteure vor Ort.

Die wahrgenommene Wirkung beschreibt dabei die erfahrbare Veränderung aus Sicht lokaler Akteure. Das ist kein weicher Zusatz, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor, denn die subjektive Wahrnehmung entscheidet über die Nutzung digitaler Lösungen und damit über deren langfristige Verstetigung.

Die empirische Basis bildeten Digitalisierungsprojekte aus dem Bereich Pflege und Gesundheit, die seit 2019 im Rahmen der Modellprojekte Smart Cities umgesetzt wurden. Grundlage der Auswertung sind 20 Interviews mit IdeengeberInnen, UmsetzerInnen, NutzerInnen und MultiplikatorInnen aus fünf Regionen. Das Fraunhofer IESE verfügt über ein breites Methodeninventar für die Wirkungsmessung. Diese reichen von Nutzerinterviews und Usability-Tests über standardisierte Evaluationskonzepte bis hin zu empirisch fundierten Handlungsempfehlungen. (Mehr dazu unter: Begleitforschung und Evaluation)

5 Praxisbeispiele für digitale Daseinsvorsorge

FallbeispielKurzbeschreibung
Medi-KUS, Landkreis KuselStärkung der Gesundheits- und Pflegeversorgung durch mehrere Teilprojekte, u.a. öffentliche DigiFit-Parcours und eine digitale Gesundheits- und Pflegeplattform.
So sollen Angebote sichtbarer gemacht und Versorgung besser vernetzt werden.
Gesundheitsplattform gesundes WND, Landkreis St. WendelDigitale Plattform, die Gesundheits-, Pflege- und Präventionsangebote bündelt. Eine interaktive Karte mit Filterfunktionen erleichtert die Orientierung für Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig unterstützt sie Akteure im Gesundheitswesen bei Organisation und Vernetzung.
Nutzende erhalten Informationen zu Angeboten, Kursen und Veranstaltungen.
Smarte Einsatzkräfteortung, Kalletal/LemgoDigitales Open-Source-Kartensystem zur Echtzeit-Lokalisierung von Rettungskräften für eine effizientere und sicherere Einsatzplanung.
Die Anwendung wurde bereits erfolgreich bei Großveranstaltungen getestet. Ziel ist eine effizientere und sicherere Einsatzplanung.
BERD, Landkreis GießenLern-, Tagungs- und Bewegungszentrum, das Digitalisierung, Bildung und Gesundheit verbindet, mit Digitalwerkstatt, Sportflächen und VR-Angeboten.
Das Ziel ist die Förderung digitaler Kompetenzen und innovativer Lernformen.
Dorfladen Borgholz, Landkreis HöxterKombination aus klassischer Nahversorgung und digitalen Zugangssystemen für Einkäufe auch außerhalb regulärer Öffnungszeiten.
Das stärkt die lokale Versorgung und erhöht gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit des Angebots.

Auf welchen Ebenen wirkt digitale Daseinsvorsorge?

Die Auswertung zeigt, dass digital gestützte Maßnahmen im lokalen Kontext auf drei Ebenen wirken:

Visualisierung der 3 Ebenen der Wirkung von digitaler Daseinsvorsorge
3 Ebenen der Wirkung (difu 2025)
  1. Direkte Wirkung auf die Versorgung

Direkte Veränderungen in der Daseinsvorsorge sind etwa wahrnehmbar durch eine größere Angebotsvielfalt, verbesserte Zugänge sowie erweiterte Nutzungszeiten, die die Lebensqualität vor Ort erhöhen und kommunale Ziele unterstützen. Digitale Maßnahmen entfalten direkte Wirkungen und erleichtern viele alltägliche Abläufe.

  • Gesundheits- und Pflegeplattformen vereinfachen die Suche nach Angeboten, unterstützen die Beratung durch Dienstleistende und fördern die Vernetzung der Akteure.
  • Die smarte Einsatzkräfteortung ermöglicht die kartenbasierte Lokalisierung in Echtzeit und reduziert unnötige Wege bei Veranstaltungen.
  • DigiFit-Parcours erweitern Nutzungszeiten und Angebote, sprechen verschiedene Altersgruppen an und vereinfachen die Teilnahme.
  • In der Nahversorgung ermöglichen digitale Zugangssysteme längere Öffnungszeiten, sichern Standorte und schaffen barrierearme Zugänge. Davon profitieren besonders weniger mobile Menschen, während lokale Treffpunkte als Orte der Begegnung gestärkt werden.
  1. Lernräume als Schlüssel zur Nutzung

Die Wirkung von impliziten und expliziten Lernräumen besteht darin, Menschen dazu zu befähigen, digitale Angebote zu nutzen. Dadurch wird eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen, dass die neuen und erweiterten Angebote tatsächlich wirksam werden. Lernräume können physische, virtuelle oder hybride Orte sein, an denen Menschen den Umgang mit digitalen Angeboten erlernen und dadurch leichter teilnehmen können.

  • Analoge Formate vor Ort wirken dabei besonders stark, weil gemeinsames Ausprobieren möglich ist und Fragen direkt geklärt werden können.
  • Kurse in Begegnungsorten zeigen, dass Beobachten und Mitmachen Neugier wecken und digitale Anwendungen oft ganz nebenbei erlernt werden.
  • Kurze Erklärungen im öffentlichen Raum, etwa Videos direkt an Stationen, fördern eine selbstständige Nutzung.
  • Wiederholte Anleitung an Alltagsorten wie Dorfläden schafft Sicherheit und unterstützt die spätere eigenständige Nutzung.
  • Schulungen für Beschäftigte in Verwaltung und Ehrenamt verbessern zudem die Datenqualität digitaler Plattformen und erhöhen deren Akzeptanz.
  1. Signalwirkung für die Region

Signalwirkungen treten auf, wenn digitale Maßnahmen öffentlich sichtbar werden und langfristig Wahrnehmung, Erwartungen und Identifikation innerhalb der Kommune bzw. Region prägen. Digitale Maßnahmen senden sichtbare Signale in die Region und stehen für Modernität, Verantwortung und eine handlungsfähige Kommune.

  • Digitale Koordination in der Grundversorgung vermittelt Sicherheit und stärkt die Wahrnehmung von Resilienz.
  • Digitale Werkzeuge für das Ehrenamt signalisieren Wertschätzung und stärken das Gefühl von Selbstwirksamkeit, besonders wenn sie öffentlich sichtbar sind.
  • Die Weiterentwicklung bestehender Einrichtungen zeigt Transformationsfähigkeit und eröffnet neue Perspektiven für Jung und Alt.
  • Sichtbare Modernisierung in der Nahversorgung steigert die regionale Attraktivität und unterstreicht Zukunftsorientierung.

Erfolgsfaktoren: Was Sie für Ihr Projekt mitnehmen können

Die folgenden Faktoren haben in den untersuchten Projekten eine effiziente Umsetzung ermöglicht und die beschriebenen Wirkungen verstärkt.

An Vertrautem anknüpfen statt Neues aufzwingen

Neue digitale Dienste werden leichter angenommen, wenn sie an vertraute analoge Routinen anknüpfen, etwa durch verlängerte Öffnungszeiten statt eines völlig neuen Angebots. Es entsteht ein Gefühl von Mehrwert statt Reduktion. Der Dorfladen Borgholz zeigt, wie erweiterte Öffnungszeiten und barrierearme Zugänge den Alltag entlasten und die Nutzbarkeit für verschiedene Zielgruppen erhöhen.

Angebote bündeln – Wirkung multiplizieren

Vielfältige Wirkungen entstehen besonders dort, wo Angebote gebündelt und an multifunktionalen Orten zusammengeführt werden. Das steigert Auslastung, Sichtbarkeit und soziale Einbindung, wie das Beispiel BERD im Landkreis Gießen verdeutlicht.

Klein starten, schnell lernen, gezielt skalieren

Ein Start im kleinen Rahmen mit klarem Fokus ermöglicht schnelle Lernschleifen, effiziente Projektarbeit und erleichtert die spätere Übertragung. Die smarte Einsatzkräfteortung wurde zunächst für ein Fest entwickelt und anschließend erfolgreich ausgeweitet.

Vorhandene Netzwerke und Ressourcen aktivieren

Auch das soziale Kapital vor Ort ist ein zentraler Hebel. Projekte wirken besonders, wenn sie ehrenamtliches Engagement entlasten, Anerkennung sichtbar machen und bestehende Netzwerke sowie vorhandene Orte und Technik nutzen. So entstehen Akzeptanz und Reichweite trotz begrenzter Ressourcen.

Kooperationen nutzen – Kosten teilen, Reichweite gewinnen

Regionale Partnerschaften zwischen Vereinen, Kommunen, Wirtschaft und Bildung erhöhen die Auslastung, teilen Fixkosten und erschließen neue Zielgruppen. Die Mehrfachnutzung von Räumen und Technik stärkt die Tragfähigkeit und erweitert die öffentliche Wirkung, wie am Beispiel BERD im Landkreis Gießen deutlich wird.

Digitale Daseinsvorsorge wirkt, wenn Technik und Gemeinschaft zusammenkommen

Digitale Daseinsvorsorge entfaltet ihre Wirkung nachhaltig, wenn digitale Komponenten mit sozialen, organisatorischen und räumlichen Kontexten passfähig kombiniert werden. Entscheidend sind die Befähigung zur Nutzung, die Verankerung in lokalen Strukturen sowie die sichtbare Anerkennung von Gemeinschaften und Ehrenamt vor Ort.

Als Fraunhofer IESE unterstützen wir Kommunen und Regionen dabei, digitale Maßnahmen so zu gestalten, dass sie wahrnehmbare Wirkung für die Menschen vor Ort entfalten. Unser Fokus liegt darauf, Lösungen nicht nur zu entwickeln, sondern ihre Wirkung sichtbar zu machen, Akzeptanz zu stärken und nachhaltige Nutzung zu ermöglichen.

Möchten Sie die Wirkung digitaler Maßnahmen in Ihrer Kommune sichtbar machen?

Als Fraunhofer IESE evaluieren wir Digitalisierungsprojekte objektiv, systematisch und nutzerzentriert. Wir unterstützen Sie mit Begleitforschung von der Wirkungsmessung über Nutzerinterviews bis zu konkreten Handlungsempfehlungen für Kommunen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure.
Typische Fragen, mit denen Kommunen zu uns kommen:
  • Wie wirksam ist unsere Maßnahme tatsächlich?
  • Wie können wir unser digitales Angebot besser an die Zielgruppe anpassen?
  • Welche Erkenntnisse lassen sich auf andere Regionen übertragen?

Sprechen Sie mit unseren Expertinnen und Experten – wir freuen uns auf Ihre Anfrage. Jetzt Kontakt aufnehmen!

 

Referenzen

[1] Weingarten & Steinführer 2020; Dudek et al. 2024
[2] Fassmann et al. 2015; Clifton et al. 2016