Interview mit Frau Prof. Dr. Katharina Zweig

Presseinformation / 2.12.2014

Das BMBF-Wissenschaftsjahr 2014 unter dem Motto "Die digitale Gesellschaft" neigt sich seinem Ende zu. Am Abend des 2. Dezember 2014 wird GI-Präsident und Institutsleiter des Fraunhofer IESE, Prof. Dr.-Ing. Peter Liggesmeyer die ausgearbeiteten „Handlungsempfehlungen und Diskussionsanregungen" der „digitalen Köpfe“ an Frau Bundesministerin Prof. Wanka übergeben. Frau Prof. Katharina Zweig, unser „digitaler Kopf“ aus Kaiserslautern sprach mit dem IESE über ihre Arbeit, die digitale Gesellschaft und über die Herausforderungen für die Informatik.

Frau Zweig, Sie sind im Rahmen des Wissenschaftsjahres zum „Digitalen Kopf“ gekürt worden. Wodurch prägen Ihre Ideen und Ihre Arbeit die Zukunft unseres Landes?

Ob sie sie prägen werden, muss man sicherlich abwarten. Ich glaube aber, dass ich durch die vielen verschiedenen Fächer, mit denen ich mich beschäftige, eine Vielzahl von möglichen Perspektiven auf die Komplexität unserer Welt habe. Als studierte Biochemikerin liegt der mein Fokus auf Details, während ich es als Informatikerin gewohnt bin, komplexe Probleme in Teilprobleme zu zerlegen, diese zu lösen und anschließend die Lösung wieder zusammenzusetzen. Die statistische Physik, mit der ich mich im Postdoc beschäftigt habe, macht einem bewusst, dass die individuellen Unterschiede in einer ersten Näherung vernachlässigt werden können. Mein anderes großes Interesse liegt in der Psychologie. Hier müssen wir lernen, dass Menschen sich nicht ideal, das heißt wie der Homo oeconomicus in der Wirtschaft, verhalten;  öfter als man denkt  sind wir als Menschen z.B. nicht  nur auf unseren finanziellen Vorteil bedacht. Mit diesen insgesamt fünf verschiedenen Perspektiven aus Biochemie, Informatik, Physik, Wirtschaft und Psychologie hat man die Chance, Dinge anders zu sehen. Ich versuche, den Studierenden vor allem das Interesse mitzugeben, neue Fragen zu stellen. Ich hoffe, somit die systemische Sichtweise auf den Einfluss von IT auf die Gesellschaft zu verstärken.

Hat sich Ihr Blick auf die Welt durch Ihre Beschäftigung mit den einzelnen Fächern verändert?

Ja, den Naturwissenschaftler bekommt man aus mir nicht heraus. Selbst wenn ich mit meiner Tochter im Wald spazieren gehe, sehe ich überall Muster und Dinge, die sich gegenseitig beeinflussen. Ich bin der Ansicht, dass die Art und Weise, mit der man Gegenstände betrachtet, eine Lebenseinstellung ist. Wichtig ist jedoch, dies beibringen zu können. Wir sind noch am Üben, wie man  diese Perspektive auf das Leben weitergibt.

Wie sind Sie zu Ihrem Fachgebiet Informatik gekommen?

Eigentlich durch ein Missverständnis. Ich habe Biochemie studiert, ein Fach, bei dem man sehr viel auswendig lernen muss. Ich hatte allerdings noch Kapazitäten und fand, dass ein Doppelstudium eine „nette Sache“ sei;  die Informatik als Wissenschaft habe ich damals nicht wirklich wahrgenommen. Vor meinem Studium,  waren Informatiker für mich eher die Leute, die unter dem Tisch Kabel stecken. (Prof. Zweig lacht) Als Biochemikerin dachte ich damals, dass es hilfreich sein könnte, Webseiten und Datenbanken zu designen, als Unterstützung für die biochemische Arbeit. Damit startete ich mein Informatikstudium und plötzlich hatte ich mich in die theoretische Informatik verliebt! Ich kann mich erinnern, dass ich damals in der Vorlesung saß und es toll fand, dass die Leute für das Lösen von spannenden Rätseln in der Algorithmik und dem im Design von effizienten Datenstrukturen – etwas, das ich gerne in meiner Freizeit tat – bezahlt werden und dass es dafür so viele interessante Anwendungen gab. Das wollte ich dann auch unbedingt selber machen und habe daher die Algorithmik als Fachgebiet gewählt.

Bietet Informatik Lösungen für gesellschaftliche Probleme?

Für mich ist es eher andersherum. Es wurden so viele IT-Systeme in die Welt gesetzt, welche auf einmal ganz merkwürdige Nebeneffekte hatten: SMS war nur als Protokolldienst gedacht und plötzlich benutzten es alle Menschen, und  Facebook war eine kleine Software-App für eine Universität, die sich rasend schnell verbreitete. Im Moment weiß ich nicht, ob ich die Perspektive teile, dass wir mit der Informatik gesellschaftliche Probleme lösen können. Sicher ist aber, dass Informatik unsere Gesellschaft verändert. Ich halte es für notwendig, mehr Systematik dabei zu entwickeln, welche Fragen man bei der Entstehung eines neuen IT-Systems stellen muss, um bessere Vorhersagen treffen zu können. Ein Beispiel: Google entwickelte einen Mechanismus, PageRank, mit dem man bewertet, ob eine Website relevant für eine Suchanfrage ist oder nicht. Das hängt nur zu wenigen Prozent an den Wörtern, die auf der Website stehen. Der eigentliche Trick war, wie die Website vernetzt wird. Gibt es viele andere Seiten, die darauf verlinken, und verlinkt diese Website wiederum auf andere relevante Seiten? Als dieser Algorithmus veröffentlicht wurde, reagierten die Webseitenbetreiber schnell und kamen auf diverse Ideen, ihre eigene Webseite im Ranking hochzutreiben. Erstens  fügten  sie Wörter auf ihre Seite hinzu, deren Farbe dem Hintergrund entsprach,  so dass sie für den menschlichen Benutzer unsichtbar waren. Der automatische Robot, für den Farben keine Rolle spielen, nimmt diese Wörter trotzdem wahr, wodurch die Illusion entsteht, die Wörter befänden sich auf der Seite. Darüber hinaus gab es Linkfarmen, also Seiten, die auf viele weitere verlinken, welche somit  prominent aussehen. Diese Linkfarmen geben anderen Seiten von ihrer Prominenz ab und befördern sie somit nach oben. Meiner Meinung nach sind solche Reaktionen öfter als man denkt vorhersehbar. Bevor man ein solches IT-System installiert, sollte man sich also fragen, wie sich dadurch die Anreize verändern. Mir geht es bei diesen Auswirkungsmodellierungen immer um die richtigen Fragen. Wer sind die Personen, die mitwirken, welche Firmen sind beteiligt, welche kognitiven oder legalen Beschränkungen gibt es? Ich glaube, dass eine systemische Denkweise sehr zum Modellieren dessen beiträgt, was die Informatik mit der Gesellschaft tun wird.

Was kennzeichnet Ihren neuen Studiengang Sozioinformatik? Womit beschäftigt man sich in diesem Fach?

Kurz gesagt, haben wir das Kabelstecken herausgenommen. Die Mathematik und die Theorie haben wir ebenfalls stark zurückgefahren; die technische Informatik kommt gar nicht mehr darin vor. Dadurch haben wir circa 50 Prozent der Studienzeit freigestellt, in der wir uns mit anderen Fachbereichen wie Philosophie, Recht oder Ökonomie auseinandersetzen, um besser zu verstehen, wie  beispielsweise der Jurist oder der Wirtschaftler denkt. Doch auch Sozialwissenschaften, insbesondere die Soziologie und die Psychologie, sind Bestandteil des Studiums, um den Menschen besser kennen zu lernen und zu verstehen, in welche Strukturen er eingebunden ist. Dieser gesellschaftsrelevante Studiengang betrachtet die Auswirkung der Informatik auf die Gesellschaft mit einem systemischen Blickwinkel. Hierfür haben wir extra Veranstaltungen entwickelt, bei denen die unterschiedlichen Fachbereiche alle zusammengebracht und Modellierungsversuche aus der statistischen Physik vorgenommen werden. Ziel ist es, dass möglichst viele Modelle entstehen, um zu beschreiben, wie Dinge miteinander agieren. Beruflich gibt es für unsere Absolventen und Absolventinnen verschiedene Möglichkeiten. Die einen gehen in Richtung Journalistik, um den Menschen IT-Systeme zu erklären, die anderen interessieren sich sehr für Politikberatung. Wir hoffen, dass sie noch besser als Vermittler zwischen Kunden, Organisationen, Gesellschaft und den eigentlichen Programmierern agieren können.

Am 15. September gab es neben der Kür zum Digitalen Kopf viele unterschiedliche Workshops zur Findung und Erarbeitung von Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung. Welche Visionen haben Sie für die Handlungsempfehlungen der digitalen Gesellschaft?

Ich nahm am Workshop „Gesellschaft und Medien“ teil. Das Interessante war allerdings, dass alle Workshops mit derselben Forderung endeten: wir müssen bereits sehr früh anfangen, um die Bürger in dieser digitalisierten Gesellschaft mündig zu machen. Für uns ist es eine große Herausforderung, die Generation, die bereits nicht mehr die Schule besucht, zu erreichen. Hier stellen sich verschiedene Fragen: Wie erreichen wir, dass jemand mündige Entscheidungen über seine eigenen Daten treffen kann, und wie wird damit verfahren? Was ist die Aufgabe des Staates und was die des Individuums? Ich finde, dass davon bisher wenig geklärt ist. Wir fordern demnach einen medienkompetenten Schulunterricht, der starke informatische Aspekte hat.
Ein weiteres Thema ist Big Data und wie wir damit als Gesellschaft umgehen. Ich persönlich denke, es ist eine großartige Chance: Wir können bei seltenen Krankheiten – damit  meine ich solche, die nur einer von 10.000 hat, was in dieser Welt addiert jedoch sehr viele sind – mithilfe  von Informatik die Informationen eines jeden zusammenführen. Somit vergrößert sich die Möglichkeit, Heilungsmöglichkeiten zu finden. Andererseits besteht für einen selbst die Gefahr, überwacht zu werden. Ziel ist es, eine Balance zu finden. Die Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung sind meist die gleichen: macht uns mündig und gebt uns Rechtssicherheit. Die Digitalisierung bietet uns wunderbare Möglichkeiten, doch manchmal ist der Nutzen nicht klar erkennbar.

Sehen Sie sich denn selbst als Vorbild für die junge Generation? Was würden Sie jungen Menschen in unserer digitalen Gesellschaft als Rat mit auf den Weg geben?

Ich freue mich schon, wenn meine Tochter mich als Vorbild sieht. Der Rat an junge Menschen hat sich meiner Meinung nach seit Humboldt nicht sehr verändert: „Bilde dich fort. Lerne vom Vergangenen für die Zukunft. Lerne, eigenständig zu denken und deine Hypothesen über die Welt jederzeit zu überdenken.“ Ich glaube, wenn man dann noch stets neugierig bleibt, hat man viel erreicht. Von den jungen Menschen in Deutschland,  aber auch von meiner Generation, wünsche ich mir, dass wir dankbarer sind für das, was wir haben. Gleichzeitig müssen wir auch dafür sorgen – und ich denke, dass wir die erste Generation sind, der dies dank der Digitalisierung gelingen kann –, eine Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Einer der wichtigsten Aspekte ist, dass das Wissen, welches wir in unseren Nationen haben, allen zugänglich gemacht wird.

Welches Potenzial findet sich Ihrer Meinung nach an unserem Wissenschafts- und Technologiestandort Kaiserslautern? Wie könnte eine noch stärkere Vernetzung in Zukunft aussehen?

Meine Familie und ich sind vor circa 30 Monaten nach Kaiserslautern gezogen, worüber wir uns freuen, da uns das menschliche Klima hier sehr angenehm scheint. Ich wusste anfangs nicht, dass Kaiserslautern im Bereich IT so viel zu bieten hat. Ich glaube schon, dass wir noch mehr Potenzial für Vernetzung haben. Auch die Seminare, die ich anbiete, sollen nicht nur Papierprodukte für die Studierenden sein, welche danach im Müll landen. Ich habe ein Seminar zum Thema „Bargeldlose Zukunft“ organisiert. Hier konnten die Studierenden eine Diskussionsveranstaltung im Rahmen des Wissenschaftsjahres „Die digitale Gesellschaft“ planen. Für die Veranstaltung konnten wir Dr. Joe Weingarten, den Leiter des Wirtschaftsministeriums Rheinland Pfalz, für ein Grußwort gewinnen und Experten von der Deutschen Bank, vom Verbraucherschutz, vom Wirtschaftsministerium und vom Chaos Computer Club begrüßen. Ich würde solche bürgernahen Diskussionsveranstaltungen gerne zu einer Dauerveranstaltung machen. Mein Ziel ist es, daraus eine Wissenskommunikationsveranstaltung für die Stadt sowie die Region zu machen. Ich hoffe, dass wir mit solchen Aktionen auch in der Zukunft zu einer weiteren Vernetzung beitragen werden.

Die „Handlungsempfehlungen und Diskussionsanregungen" stehen ab dem 2. Dezember 2014 auf www.gi.de/digitale-koepfe zum Download angeboten.