{"id":14039,"date":"2025-07-24T15:57:28","date_gmt":"2025-07-24T13:57:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.iese.fraunhofer.de\/blog\/?p=14039"},"modified":"2025-07-28T12:10:29","modified_gmt":"2025-07-28T10:10:29","slug":"ki-verordnung-funktionale-sicherheit-von-ki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.iese.fraunhofer.de\/blog\/ki-verordnung-funktionale-sicherheit-von-ki\/","title":{"rendered":"KI-Verordnung &#038; funktionale Sicherheit: So gelingt die rechtskonforme Umsetzung von Innovationen"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\">Die neue EU-KI-Verordnung (<a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/ai-act-2285944\">AI Act<\/a>) ver\u00e4ndert die Spielregeln f\u00fcr alle, die KI-basierte Innovationen auf den Markt bringen wollen. Doch keine Innovation ist auch keine L\u00f6sung \u2013 das gilt insbesondere in den aktuellen Zeiten mit immer k\u00fcrzer werdenden Innovationszyklen und disruptiven Innovationen, die ganze M\u00e4rkte ver\u00e4ndern. Ihr Unternehmen hat dies erkannt und die n\u00e4chste geniale Innovation in Entwicklung? Allerdings basiert Ihre Innovation auf K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) und die funktionale Sicherheit ist davon betroffen \u2013 vielleicht ein KI-basiertes Verhalten eines autonomen Operationsroboters oder ein KI-basierter Cloud-Dienst, der autonome Maschinen mit sicherheitsrelevanten Informationen versorgt. Bevor die Entwicklung richtig durchstarten kann, bremst die Rechtsunsicherheit alles aus. Sie stehen im Regulierungsdschungel mit neuem KI-Gesetz, Maschinenverordnung,\u00a0Cyberresilienz-Verordnung (CRA) und Co. Und Sie fragen sich: Wie bringe ich mein Produkt konform zu diesen Gesetzgebungen auf den europ\u00e4ischen Markt? Anforderungen \u00fcberlappen sich, Begriffe sind schwammig und der Weg zur Marktfreigabe Ihrer Innovation f\u00fchlt sich wie ein Labyrinth an. Doch Sie sind damit nicht allein!<\/p>\n<p>Wir zeigen Ihnen in diesem Blogbeitrag, wie Sie die Rechtsunsicherheit bei der Bewertung der Funktionalen Sicherheit Ihrer Innovationen minimieren k\u00f6nnen. Lassen Sie uns gemeinsam daf\u00fcr sorgen, dass Ihre Innovation nicht nur smart, sondern auch sicher und gesetzeskonform ist!<\/p>\n<h2>KI-Innovationen im Spannungsfeld von Fortschritt und EU-Regulierung<\/h2>\n<p>Wir erleben derzeit ein exponentielles Wachstum der Innovationsgeschwindigkeit, insbesondere durch die Fortschritte im Bereich der KI und der Vernetzungstechnologien wie 5G. Beliebige Sensoren und Aktuatoren k\u00f6nnen miteinander vernetzt werden, um Abl\u00e4ufe in der realen Welt zu steuern. Die Steuerung wird dabei schnell so komplex, dass sie nicht l\u00e4nger durch einfache Wenn-dann-Regeln ausgedr\u00fcckt werden kann. Methoden der KI werden eingesetzt, um diese Komplexit\u00e4t zu beherrschen. Aber wie sehr kann man auf die Informationen und Entscheidungen von KI-basierten Systemen vertrauen?<\/p>\n<p>Europa setzt auf das Vorsorgeprinzip.\u00a0Mit proaktivem Risikomanagement soll verhindert werden, dass unsichere (KI-basierte) Produkte auf den Markt kommen. Dazu gibt es eine Reihe von Verordnungen (KI-Verordnung, Maschinenverordnung oder die Cyberresilienz-Verordnung), die grundlegende Sicherheitsanforderungen festlegen. Diese Sicherheitsanforderungen sind bewusst etwas unscharf formuliert, um viele F\u00e4lle abzudecken und m\u00f6glichst technologieoffen zu sein. Dies erschwert jedoch die Umsetzung in der Praxis.<\/p>\n<h3>Die Kernfrage: Erf\u00fcllt mein Produkt alle grundlegenden Sicherheitsanforderungen?<\/h3>\n<p>Ob ein Produkt die grundlegenden Sicherheitsanforderungen der EU-Verordnungen erf\u00fcllt, l\u00e4sst sich oft nur schwer beurteilen. Die Unsicherheit ist gro\u00df \u2013 insbesondere bei Hochrisiko-KI-Systemen, wie sie im AI Act definiert sind. Auch wenn sich diese Rechtsunsicherheit nicht vollst\u00e4ndig beseitigen l\u00e4sst, kann sie durch fr\u00fchzeitiges Risikomanagement und gezielte Ma\u00dfnahmen zur funktionalen Sicherheit deutlich reduziert werden.<\/p>\n<h2>Warum rechtskonforme Umsetzung von KI-Innovationen entscheidend ist<\/h2>\n<ol>\n<li><strong>Voraussetzung f\u00fcr die Markteinf\u00fchrung:<\/strong><br \/>\nEin Produkt, das die grundlegenden Sicherheitsanforderungen nicht erf\u00fcllt, darf nicht in Europa vermarktet werden. Eine innovative Idee wird also erst zu einer echten Innovation, wenn alle Sicherheitsanforderungen erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<li><strong>Haftungsrisiken und Rufsch\u00e4digung:<\/strong><br \/>\nJe gewissenhafter und zweifelloser die Sicherheitsanforderungen erf\u00fcllt wurden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Unf\u00e4lle passieren und der Hersteller f\u00fcr die entstandenen Sch\u00e4den haften muss oder sein Ruf besch\u00e4digt wird.<\/li>\n<\/ol>\n<h2>KI-Verordnung, CRA &amp; Co: Diese EU-Vorgaben beeinflussen Ihre Produktsicherheit<\/h2>\n<h3>Eine Innovation trifft auf ein Regelwerk mit vielen Abh\u00e4ngigkeiten und Fristen<\/h3>\n<h4>1. KI Verodnung (AI Act)<\/h4>\n<p>Das EU-KI-Gesetz basiert auf einem risikobasierten Ansatz. Je h\u00f6her das Risiko, desto mehr und desto stringentere Anforderungen m\u00fcssen erf\u00fcllt werden. Artikel 6 beschreibt die Einstufungsvorschriften f\u00fcr Hochrisiko-KI-Systeme. Nach Absatz 1 k\u00f6nnen KI-Systeme aufgrund ihrer Safety-Relevanz als Hochrisiko-KI-Systeme eingestuft werden. F\u00fcr die Einstufung ist der Bezug zu anderen Richtlinien und Verordnungen relevant. Diese sind in Anhang 1 gelistet und beinhalten unter anderem Verordnungen bez\u00fcglich Medizinprodukten, Maschinen, Kraftfahrzeugen, Schiffsausr\u00fcstung etc.<\/p>\n<p>Nach Absatz 1 Artikel 6 gilt ein KI-System als Hochrisiko-KI-System, wenn die beiden folgenden Bedingungen erf\u00fcllt sind:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Kriterium 1:<\/strong> Das KI-System soll als Sicherheitsbauteil eines unter die in Anhang I aufgef\u00fchrten Harmonisierungsrechtsvorschriften der Union fallenden Produkts verwendet werden oder das KI\u2011System ist selbst ein solches Produkt;<\/li>\n<li><strong>Kriterium 2:<\/strong> Das Produkt, dessen Sicherheitsbauteil gem\u00e4\u00df Kriterium 1 das KI\u2011System ist, oder das KI\u2011System selbst als Produkt muss einer Konformit\u00e4tsbewertung durch Dritte im Hinblick auf das Inverkehrbringen oder die Inbetriebnahme dieses Produkts gem\u00e4\u00df den in Anhang I aufgef\u00fchrten Harmonisierungsrechtsvorschriften der Union unterzogen werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Kriterien werfen Fragen auf. Beispielsweise weist die Studie in [1] auf folgende Unklarheiten hin:<\/p>\n<ol>\n<li>Es ist unklar, welche Systemgrenze bei der Feststellung, ob ein KI-System als Sicherheitsbauteil eingesetzt ist, gilt. Bei vorausschauender Wartung ist das KI-System h\u00e4ufig nicht Teil\u00a0 des zu wartenden Produkts.<\/li>\n<li>Es ist unklar, welche Definition von \u00bbSicherheitsbauteil\u00ab mit Blick auf sektorspezifische Standards (z.B. Automotive, Medizinprodukte), Gesetze (z.B. BSI-Gesetz \u00a72 (13)) oder Richtlinien (z.B. 2014\/33\/EU \u00fcber Aufz\u00fcge und Sicherheitsbauteile f\u00fcr Aufz\u00fcge, Anhang 3) anzuwenden ist.<\/li>\n<li>Es ist unklar, ob ein KI-System f\u00fcr eine sicherheitskritische Funktion kein Sicherheitsbauteil ist, wenn es daf\u00fcr redundante Ma\u00dfnahmen gibt, die bei einem Ausfall oder Fehler des KI-Systems \u00bbeinspringen\u00ab und einen Schaden verhindern.<br \/>\nIn [2] wird darauf hingewiesen, dass<\/li>\n<li>es unklar ist, ob die Erf\u00fcllung von Kriterium 2 von dem Vorhandensein von harmonisierten Normen abh\u00e4ngt. Harmonisierte Normen k\u00f6nnen eine Herstellerselbsterkl\u00e4rung erm\u00f6glichen und somit h\u00e4ngt die Notwendigkeit einer Konformit\u00e4tsbewertung durch Dritte von der Existenz von harmonisierten Normen ab.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ab dem 2. August 2026 gelten die Vorschriften f\u00fcr Betreiber von Hochrisiko-KI-Systemen. Es bleibt also nicht mehr viel Zeit, um solche Unklarheiten zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<h4>2. Cyber Resilience Act (CRA)<\/h4>\n<p>Die Cyberresilienz-Verordnung (CRA) dient der Erweiterung des europ\u00e4ischen Produktrechts um Cybersicherheitsaspekte f\u00fcr Produkte mit digitalen Elementen. Der CRA ist am 12.03.2024 in Kraft getreten und am 11. Dez. 2027 endet die \u00dcbergangsfrist, um ihn anzuwenden. Nicht im Anwendungsbereich sind Fahrzeuge, Luftfahrzeuge, Schiffsausr\u00fcstung, Medizinprodukte und In-vitro-Diagnostik. Der CRA zielt auf \u00bbSecure by Design\u00ab ab. Das bedeutet, dass er Security ganz konkret und explizit als Anforderung in den gesamten Entwicklungsprozess einbezieht. Weiterhin enth\u00e4lt er umfangreiche \u00bbMeldepflichten\u00ab wie die Meldung von Schwachstellen und Sicherheitsvorf\u00e4llen. Ein Bezug zur KI-Verordnung besteht insofern, dass die KI-Verordnung auch Cyber Security von KI-Systemen fordert. Eine Security-Norm, die beide Rechtsakte adressiert und deren grundlegenden Anforderungen in konkretere technische Anforderungen \u00fcbersetzt, w\u00e4re aus technischer Sicht denkbar. Eine Norm, die einen Rechtsakt adressiert, sollte aber die Terminologie des Rechtsaktes \u00fcbernehmen. Diese Bedingung kann nicht erf\u00fcllt werden, wenn man mit einer Norm beide Rechtsakte adressieren will, da der zentrale Begriff des Risikos eine unterschiedliche Bedeutung in den beiden Rechtsakten hat.\u00a0Dies ist nur einer von vielen Gr\u00fcnden, warum es sich schwierig gestaltet, \u00bbzwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen\u00ab.<\/p>\n<h4>3. Maschinenverordnung<\/h4>\n<p>Die neue Maschinenverordnung (EU 2023\/1230) legt Sicherheitsanforderungen f\u00fcr Maschinen fest, inkl. autonomer und vernetzter Systeme. Sie definiert \u00bbselbst entwickelndes Verhalten\u00ab und \u00bbautonome mobile Maschinen\u00ab, aber vermeidet den Begriff \u00bbKI-System\u00ab. Wie beim CRA erschwert auch hier die unterschiedliche Taxonomie die Schnittstelle zur technischen Normung.<\/p>\n<h4>4. Medizinprodukteverordnung (MDR)<\/h4>\n<p>Die Medizinprodukteverordnung ist ein etablierter Rahmen f\u00fcr Medizinprodukte. Ein KI-System oder eine Maschine k\u00f6nnen nat\u00fcrlich einen medizinischen Zweck haben und somit unter die MDR fallen. Ein Operationsroboter k\u00f6nnte man sogar aus der Perspektive von allen drei Rechtsakten betrachten, wobei der medizinische Zweck und somit die MDR im Vordergrund stehen w\u00fcrde.<\/p>\n<h3>Die Bedeutung der Funktionalen Sicherheit im Regulierungskontext<\/h3>\n<p>Funktionale Sicherheit bezieht sich auf das sichere Verhalten von technischen Systemen.<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Operationsroboter muss sich beispielsweise bei einer Operation so verhalten, dass keine inakzeptablen Risiken f\u00fcr den Patienten entstehen.<\/li>\n<li>Ein autonomes Fahrzeug muss sich im Stra\u00dfenverkehr so verhalten, dass keine inakzeptablen Risiken f\u00fcr die Insassen und andere Verkehrsteilnehmer entstehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr die Sicherheit eines Produkts spielen noch weitere Aspekte eine Rolle, wie beispielsweise die Abwesenheit von gesundheitssch\u00e4dlichen Materialien. Die Funktionale Sicherheit ist somit nur ein Teilaspekt der Produktsicherheit. Regulierungen f\u00fcr die Produktsicherheit wie die Maschinenverordnung \u00fcberlassen weitgehend der technischen Normung, wie die funktionale Sicherheit erreicht werden soll. Der Grundgedanke hierbei ist, dass das \u00bbWie\u00ab technische Details sind, die von einer m\u00f6glichst technologieoffenen Regulierung nicht vorgegeben werden sollten. Die KI-Verordnung weicht von diesem Grundgedanken ab und r\u00fcckt dadurch die funktionale Sicherheit st\u00e4rker in den Fokus der Regulierung.<\/p>\n<h3>\u00dcberlappende Vorschriften und unterschiedliche Definitionen<\/h3>\n<p>Ein Produkt wie ein OP-Roboter kann im Schnittpunkt von mehreren Regulierungen wie Medizinprodukteverordnung, Maschinenverordnung und KI-Verordnung liegen \u2013 alle mit Implikationen f\u00fcr die funktionale Sicherheit.<br \/>\nDa verliert man schnell den \u00dcberblick und die zentrale Frage aus dem Auge:<br \/>\nWas ist das optimale B\u00fcndel an risikoreduzierenden Ma\u00dfnahmen im Hinblick auf Markteinf\u00fchrung, Haftung und\/oder Rufsch\u00e4digung?<\/p>\n<h2>Harmonisierte Normen: Weg zur Konformit\u00e4tsvermutung und Rechtsklarheit<\/h2>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr die Markteinf\u00fchrung ist, dass Produkte die grundlegenden Gesundheits- und Sicherheitsanforderungen aus den Rechtsakten erf\u00fcllen. Harmonisierte Normen konkretisieren diese Anforderungen. Sie beschreiben, mit welchen technischen Regeln und Risikomanagementma\u00dfnahmen die grundlegenden Anforderungen erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen. Bei Konformit\u00e4t zu diesen Normen kann man deswegen davon ausgehen, dass die Forderungen der Gesetze und Verordnungen erf\u00fcllt sind. Dieser Umstand wird in der Rechtssprache als das \u00bbAusl\u00f6sen der Vermutungswirkung\u00ab bezeichnet und ist im New Legislative Framework verankert. Harmonisierte Normen sind somit keine zus\u00e4tzliche H\u00fcrde, sondern eher ein wichtiges Hilfsmittel, um gesetzliche H\u00fcrden sicher zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<h2>Aktuelle Herausforderungen in der KI-Normung: Wo Rechtsunsicherheit persistiert<\/h2>\n<p>Die Umsetzung des New Legislative Framework birgt aber auch eine Reihe von Herausforderungen:<\/p>\n<h3>Hoher Abstraktionsgrad der Normen<\/h3>\n<p>Die Konkretisierung der Anforderung gestaltet sich schwierig \u2013 insbesondere in Bezug auf das Risikomanagement von KI-Systemen.<\/p>\n<p>Das hat viele Gr\u00fcnde:<\/p>\n<ol>\n<li>Das Risikomanagement soll f\u00fcr verschiedene Arten von Risiken sinnvoll anwendbar sein, wie Safety-Risiken f\u00fcr Leib und Leben und Risiken im Hinblick auf Ungleichbehandlung.<\/li>\n<li>Das Risikomanagement soll f\u00fcr verschiedene Sektoren sinnvoll anwendbar sein, wie die Medizintechnik und die Automatisierungstechnik.<\/li>\n<li>Das Risikomanagement soll Safety und Security Aspekte umfassen und die beiden Welten des Risikomanagements vereinen. Dieses Anliegen gibt es nicht nur im Kontext von KI-Systemen, aber selbst bei herk\u00f6mmlichen Systemen ist dies nach jahrzehntelangen Bestrebungen Safety und Security zusammenzubringen nicht umgesetzt worden.<\/li>\n<li>Das Risikomanagement soll auch anwendbar sein, wenn ein KI-System als Sicherheitsbauteil fungiert, obwohl eigentlich erst noch weiter erforscht werden muss, wie ein KI-System den Qualit\u00e4tsanspruch an Sicherheitsbauteilen gen\u00fcgen kann: Man kann nicht normieren, was bisher nicht erforscht wurde.<\/li>\n<\/ol>\n<h3>Verz\u00f6gerungen und unfertige Normen<\/h3>\n<p>Diese genannten Gr\u00fcnde f\u00fchren auch dazu, dass die Entwicklung der Normen l\u00e4nger dauert als geplant und sie nicht rechtzeitig mit der gew\u00fcnschten Konkretheit fertig werden. Solange die Normen nicht fertig sind, k\u00f6nnen sie auch nicht genutzt werden, um die Vermutungswirkung auszul\u00f6sen.<\/p>\n<h3>Komplexit\u00e4t der Normungslandschaft<\/h3>\n<p>Die Normungslandschaft wird h\u00e4ufig mit einem Dschungel verglichen, indem man sich zun\u00e4chst zurechtfinden muss. Sie gleicht aber auch einem Flickenteppich, der aus unz\u00e4hligen Stoffst\u00fccken zusammengen\u00e4ht ist. Jedes St\u00fcck stammt aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Material, mit eigenen Mustern, Farben und Strukturen. Manche Stoffe sind robust, andere rei\u00dfen leicht. Einige passen gut zueinander \u2013 andere bei\u00dfen sich regelrecht. Die KI entwickelt sich schneller, als wir neue Stoffst\u00fccke anbringen k\u00f6nnen. Einige Materialien sind so verschieden, dass sie sich gar nicht vern\u00e4hen lassen, ohne dass etwas rei\u00dft.<\/p>\n<p>Insbesondere bei KI und Safety prallen verschiedene Welten aufeinander. Dies liegt mitunter an dem hohen Qualit\u00e4tsanspruch an herk\u00f6mmliche, sicherheitskritische Software. Das Qualit\u00e4tsma\u00df wird \u00fcber erreichte Sicherheitsintegrit\u00e4tslevel wie SIL, ASIL, PL oder AgPL ausgedr\u00fcckt. Es fasst zusammen, welche Ma\u00dfnahmen getroffen wurden. Aber diese Ma\u00dfnahmen sind nicht oder nur sehr bedingt anwendbar f\u00fcr KI-Systeme. Wenn man nun neue Ma\u00dfnahmen f\u00fcr KI-Systeme festlegt, dann stellt sich die Frage, wie man die Effektivit\u00e4t der unterschiedlichen Ma\u00dfnahmen vergleichen kann \u2013 ohne \u00bb\u00c4pfel mit Birnen\u00ab zu vergleichen.<\/p>\n<h2>Angewandte Sicherheitsforschung: Konkrete L\u00f6sungsans\u00e4tze zur Minimierung der Rechtsunsicherheit<\/h2>\n<p>Solange es noch keine (harmonisierten) Normen gibt, die vorgeben, welche konkreten Risikomanagementma\u00dfnahmen ausreichen, besteht eine gro\u00dfe Restunsicherheit bez\u00fcglich der Angemessenheit der gew\u00e4hlten Ma\u00dfnahmen.<br \/>\nUm diese Restunsicherheit zu minimieren, empfehlen wir in einer Sicherheitsargumentation darzulegen, warum die gew\u00e4hlten Ma\u00dfnahmen ausreichend sind, und mit dieser Argumentation fr\u00fchzeitig auf die betreffende Pr\u00fcforganisation zuzugehen. Wenn sie bisher wenig Erfahrung mit der Erstellung von Sicherheitsargumentationen haben oder nicht wissen, wie sie die KI-spezifischen Aspekte adressieren sollen, dann helfen wir gerne weiter.<\/p>\n<p>In der Argumentation sollten sie die Inhalte von technischen Regelwerken ber\u00fccksichtigen. Dazu z\u00e4hlen sektor\u00fcbergreifende Regelwerke wie<\/p>\n<ul>\n<li>ISO\/IEC TR 5469 \u00bbFunctional Safety and AI systems\u00ab<\/li>\n<li>oder VDE AR 2842-61 \u00bbDevelopment and trustworthiness of autonomous\/cognitive systems\u00ab<\/li>\n<li>aber auch sektorspezifische Regelwerke wie ISO PAS 8800 \u00bbRoad vehicles \u2013 Safety and artificial intelligence\u00ab<\/li>\n<li>oder IEC\/TR 60601 \u00bbGuidance and interpretation \u2013 Medical electrical equipment and medical electrical systems employing a degree of autonomy\u00ab.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Sicherheitsargumentation kann auch darstellen, dass quantitative Kenngr\u00f6\u00dfen wie die <a href=\"https:\/\/www.iese.fraunhofer.de\/blog\/din-spec-92005-unsicherheit-im-maschinellen-lernen-standardisieren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unsicherheit von KI-Systemen<\/a> den quantitativen Sicherheitszielen des Gesamtsystems gen\u00fcgen [3].<\/p>\n<h2>Fazit &amp; Ausblick: Proaktive Strategien f\u00fcr sichere und rechtskonforme KI-Innovationen<\/h2>\n<p>Die KI-Verordnung (AI Act) stellt neue Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Entwicklung und Bewertung sicherer, rechtskonformer KI-Systeme. Wer fr\u00fchzeitig die funktionale Sicherheit ber\u00fccksichtigt, regulatorische \u00dcberschneidungen versteht und wissenschaftlich fundierte Sicherheitsargumentationen entwickelt, verschafft sich nicht nur Marktzugang \u2013 sondern auch Vertrauen bei Kundinnen, Partnern und Pr\u00fcforganisationen.<\/p>\n<h3>Safety rechtzeitig ber\u00fccksichtigen<\/h3>\n<p>Safety kann man nicht nachtr\u00e4glich in ein System hinein testen. Um zu verstehen, was man bereits in den fr\u00fchen Phasen der Entwicklung ber\u00fccksichtigen muss, ist es notwendig, bereits in der Konzeptphase herauszufinden, welche grundlegenden Gesundheits- und Sicherheitsanforderungen relevant sind, und wie sie erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen. Das gilt insbesondere f\u00fcr die funktionale Sicherheit von KI-basierten Systemen.<\/p>\n<h3>Den Stand der Wissenschaft und Normung beachten<\/h3>\n<p>Man kann nicht normieren, was bisher nicht erforscht wurde. So gesehen ist die angewandte Forschung eine Vorstufe der Normung. Die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IESE erm\u00f6glicht Ihnen, den aktuellen Stand der Forschung bei der Sicherheitsauslegung Ihrer Innovationen zu ber\u00fccksichtigen, konform zu den aktuellen Regelwerken zu sein und neue Standards bez\u00fcglich Sicherheit zu setzen. Das ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil bei vielen KI-Produkten.<\/p>\n<h3>Ihr Weg zur Rechtssicherheit<\/h3>\n<p>Ob ihre KI-Innovation sicher genug ist im Hinblick auf die Markteinf\u00fchrung und Haftungsrisiken, h\u00e4ngt von Gesetzestexten und deren Auslegung ab. Letztlich h\u00e4ngt es aber auch ma\u00dfgeblich davon ab, welches Sicherheitsniveau ihre KI-Innovation erreicht hat. Dies ist auch entscheidend im Hinblick auf potenzielle Rufsch\u00e4digungen. Kunden wollen sichere Produkte \u2013 egal ob KI im Spiel ist oder nicht.\u00a0Wenn ein Hersteller im Schadensfall nicht haftet, dann wei\u00df der Kunde zwar, dass der Hersteller das Recht auf seiner Seite hat, aber seine Zufriedenheit mit dem Produkt h\u00e4lt sich sicherlich in Grenzen.\u00a0Der sinnvollste Weg zur Rechtssicherheit ist somit die Beherrschung der technischen Restrisiken unter Ber\u00fccksichtigung des Stands der angewandten Sicherheitsforschung.<\/p>\n<div class=\"info-box\">\n<h3>Sie m\u00f6chten Ihre KI-Innovation rechtskonform auf den Markt bringen?<\/h3>\n<p>Das Fraunhofer IESE unterst\u00fctzt Sie dabei \u2013 mit fundierter Expertise in funktionaler Sicherheit, KI-Normung und regulatorischer Bewertung. <a href=\"mailto:anfrage@iese.fraunhofer.de; rasmus.adler@iese.fraunhofer.de\"><strong data-start=\"981\" data-end=\"1005\">Kontaktieren Sie uns<\/strong><\/a>, wenn Sie Ihre Systeme nicht nur leistungsf\u00e4hig, sondern auch zukunftsf\u00e4hig und gesetzeskonform gestalten wollen.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Quellen<\/h4>\n<p>[1] AI Act: Risikoklassifizierung von KI-Anwendungen aus der Praxisperspektive: https:\/\/www.appliedai.de\/insights\/ai-act-risikoklassifizierung-von-ki-systemen-aus-einer-praktischen-perspektive<br \/>\n[2] F. Wolny, S. Vock, R. Adler, T. Holayad, The Need for Systematic Approaches in Risk Assessment of Safety-Critical AI-Applications in Machinery, 35th European Safety and Reliability Conference (ESREL2025), June 2025, Stavanger, Norway<br \/>\n[3] Kl\u00e4s, M., Adler, R., J\u00f6ckel, L., Gross, J., Reich, \u00bbUsing Complementary Risk Acceptance Criteria to Structure Assurance Cases for Safety-Critical AI Components\u00ab, AISaftey 2021 at International Joint Conference on Artifical Intelligence (IJCAI), Montreal, Canada, 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neue EU-KI-Verordnung (AI Act) ver\u00e4ndert die Spielregeln f\u00fcr alle, die KI-basierte Innovationen auf den Markt bringen wollen. 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