Software spielt in unserem Leben eine riesige Rolle. Was häufig übersehen wird: Software ist weit mehr als nur Code. Die besten digitalen Lösungen sind die, die sich nahtlos in unseren Alltag einfügen. Damit das gelingt, benötigen wir heute mehr als reine Programmierkenntnisse. Gefragt sind Qualitäten in Zielanalyse, Konzeption und ein tieferes Verständnis der Nutzenden. Das bedeutet für dich: Der Quereinstieg in die IT war noch nie so wertvoll wie heute. Denn gute Software und digitale Innovationen entstehen durch interdisziplinäre Zusammenarbeit. Genau diese Brücke schlagen wir mit dem Projekt WiSE (Activating Women in Software Engineering). Wir richten uns gezielt an Studentinnen aus nicht-technischen Disziplinen, die ihre Perspektiven in die Tech-Welt einbringen wollen. Das Fraunhofer IESE, die HS Mainz und die LMU München begleiten dich dabei, einen praxisnahen Einblick in die Softwareentwicklung zu gewinnen und deine ganz persönlichen Stärken für eine Karriere in der IT zu nutzen.
Wie WiSE den Quereinstieg in die IT für Frauen erleichtert
Das anwendungsorientierte Forschungsprojekt WiSE (Activating Women in Software Engineering) untersucht, wie Studentinnen aus nicht‑technischen Studiengängen und Softwareentwickelnde aus der industriellen Praxis zusammenfinden, voneinander lernen und gemeinsam Innovationen schaffen können. WiSE entwirft Strategien, erstellt besondere Lern- und Bildungsangebote für diese Zielgruppe und entwickelt Konzepte, um den spezifischen Mehrwert geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektiven für die Softwarebranche sicht- und nutzbar zu machen.
Ziel ist es, die IT-Branche für qualifizierte weibliche Fachkräfte aus nicht-technischen Disziplinen zu öffnen und dadurch gleichzeitig die Qualität und Menschzentrierung von Softwareprodukten zu stärken. Die WiSE-Maßnahmen bilden die Grundlage, um den Teilnehmerinnen die Vielfältigkeit der IT-Branche vorzustellen und ihnen als Quereinsteigerinnen den Zugang in die Softwareentwicklung zu erleichtern. Je nach bisherigem Studiengang, persönlichen Fähigkeiten und Interessengebieten sollen Bewerbungs- und Einstiegsmöglichkeiten, sowie Karrieremöglichkeiten in der Softwareentwicklung für die Absolventinnen aufgezeigt werden.
Warum die IT-Branche Quereinsteigerinnen braucht
Bereits seit mehreren Jahren fordern Fachverbände aus Wissenschaft und Industrie eine deutlich menschenorientiertere und interdisziplinäre Entwicklung von Softwaresystemen [1][2][3]. Die Beteiligung verschiedener Beteiligte in der Softwareentwicklung (SE), z.B. aus Informatik, Technik, Design, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Recht, Politik und Zivilgesellschaft, biete eine solide Basis für eine menschenzentrierte Ausrichtung und werteorientierte Entwicklung zukünftiger Softwaresysteme [4][5].
Eine Disziplin, die mit positivem Beispiel voran geht: User Experience (UX, deutsch: Nutzererfahrung). Der Branchenreport 2025 der German UPA [7] zeigt eindrucksvoll, dass sich das Fachgebiet UX als interdisziplinärer Vorreiter etabliert hat – sowohl hinsichtlich der beruflichen Hintergründe als auch der Geschlechterverteilung. Nur 5 % der Befragten kommen aus der klassischen Informatik, im Vergleich zu 19 % aus Kommunikationsdesign und Psychologie. Die Befragten, 44 % männlich und 56 % weiblich, stimmen der Aussage zu, dass in ihrem Arbeitsfeld Interdisziplinarität nicht nur einen hohen Stellenwert hat, sondern wirklich gelebt wird.
- Eine Zunahme der interdisziplinären Vielfalt im Bereich der SE eröffnet insbesondere Frauen aus ursprünglich fachfremden Disziplinen neue Arbeitsmöglichkeiten in der IT-Branche.
- Aspekte wie Gerechtigkeit, Erklärbarkeit und Verantwortlichkeit rücken in den Mittelpunkt.
- Um zukunftsfähige Softwaresysteme zu entwickeln, wird es unerlässlich sein, die Diversität in der SE zu steigern und vielfältige Expertise sowie Kreativität in die Innovationsprozesse einzubeziehen.
- Umfrageergebnisse zeigen, dass vielfältige Teams und interdisziplinäre Zusammenarbeit funktionieren können und somit ein Modell liefern, von dem auch andere Bereiche innerhalb der Softwareentwicklung profitieren können.
Wahrgenommene Barrieren für einen Quereinstieg
In Interviews [6] mit vier Softwareunternehmen, die wir im Rahmen von WiSE durchgeführt haben, konnten wir feststellen, dass die Vorteile von Interdisziplinarität in der Branche zwar grundsätzlich bekannt sind, aber dennoch wahrgenommene Hindernisse trotzdem schwerer wiegen. Hierbei sind es hauptsächlich Vorurteile, mangelndes Verständnis für andere Disziplinen und finanzieller Druck, die Unternehmen dazu bewegen, in altbekannten Strukturen zu bleiben.
In einer Umfrage mit 182 Studierenden fanden wir zudem heraus, dass die Tech-Branche immer noch als Männerdomäne wahrgenommen wird. Die Mehrheit der Befragten bewertet die Branche zwar positiv und sieht gute Jobmöglichkeiten mit fairem Gehalt, aber leider überwiegt jedoch die Angst, nicht die passenden Fähigkeiten für die Branche mitzubringen oder »nicht genug« bieten zu können. Dabei sind es vor allem Studierende der Soziologie, die ihre Fähigkeiten auch auf einem anderen Feld und in einer anderen Branche einsetzen wollen.

Warum ist interdisziplinäres Arbeiten so wichtig?
Interdisziplinarität bezeichnet das Zusammenwirken verschiedener Fachdisziplinen, um durch die Kombination und Verschränkung unterschiedlicher Perspektiven und Methoden komplexe Probleme zu lösen und innovative Ansätze zu entwickeln [8]. Ein interdisziplinärer Ansatz ist oftmals essenziell, da viele aktuelle Herausforderungen die Expertise mehrerer Disziplinen erfordern und nicht mehr nur durch eine einzelne Fachrichtung bewältigt werden können.
Da digitale Lösungen und Softwareanwendungen zunehmend eine zentrale Rolle in immer mehr Aspekten unseres täglichen Lebens spielen, ist es umso wichtiger, Software »menschenzentriert« zu denken und entsprechend interdisziplinär zu entwickeln [9]. Fehlende Menschenzentrierung in der Softwareentwicklung kann gravierende Folgen haben, sowohl für die Menschen, die später mit der Software arbeiten (müssen), als auch für die Entwicklungsprojekte selbst. Denn laut dem Chaos Report der Standish Group [10] erreichen nur etwa 30% aller Softwareprojekte vollständig ihre Ziele und sind damit erfolgreich. Etwa 70% erreichen nicht alle Projektziele und ca. 20% scheitern sogar vollständig.
Hauptgründe und damit Top-Risikofaktoren für IT-Projekte
- Unzureichende Nutzerbeteiligung
- Unklare Anforderungen
- Fehlendes Verständnis für die Anforderungen
- Tatsächlicher Nutzen der Lösung [11]

Interdisziplinäre Perspektiven für die Softwareentwicklung
Interdisziplinäre Arbeit erfordert offene Kommunikation, die Bereitschaft, andere Denkweisen zu akzeptieren, und die Fähigkeit, über die Grenzen der eigenen Disziplin hinauszudenken. Genau hier setzt WiSE an: Wir adressieren vor allem Studentinnen aus Psychologie, Design, Kommunikationswissenschaften, Linguistik, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, die vielfältige Perspektiven und Kompetenzen in die Softwareentwicklung einbringen können.
- Nutzerforschung und Verhaltensanalyse
- Bedürfnisse der Nutzenden verstehen und ihre Interaktion mit Softwarelösungen analysieren.
- Menschliches Verhalten verstehen, um Lösungen zu schaffen, die sich nahtlos in soziale Kontexte integrieren.
- Zielgruppenanalyse und Persona-Entwicklung.
- Design und Gestaltung
- User Interface (UI) Design, hauptsächlich die visuelle Gestaltung von Benutzeroberflächen.
- User Experience (UX) Design, die Konzeption ganzheitlicher Nutzungserlebnisse.
- Kommunikation
- Entwicklung und Test von Sprachschnittstellen (z.B. Chatbots).
- Analyse der Sprachverwendung durch Nutzende.
- Copywriting, die Erstellung verständlicher und nutzerfreundlicher Texte.
- Strategische Planung und Projektmanagement
- Requirements Engineering, also die Anforderungsanalyse.
- Ziel- und Prozessanalyse.
- Agiles Projektmanagement und interdisziplinäre Teamleitung.
Die Herausforderung wird durch aktuelle Daten aus dem Arbeitsmarkt unterstrichen. So weist e. V. auf einen steigenden IT-Fachkräftemangel hin (derzeit können ca. 109.000 IT-Arbeitsplätze nicht qualifiziert besetzt werden) und kritisiert gleichzeitig, dass Unternehmen zu wenig tun, um dieser Situation zu begegnen. Eine Situation, die sich mit Blick auf den demografischen Wandel noch verschärfen wird. Deshalb warnt der Bitkom: »Fachkräftemangel darf nicht zur Digitalisierungsbremse werden« [12].
Hier liegt eine große Chance, denn Quereinsteigende mit qualifizierter Ausbildung in anderen Fachrichtungen zeigen steigendes Interesse an der IT-Branche allgemein und der Softwareentwicklung im Besonderen. Sie können nicht nur den Fachkräftemangel lindern, sondern bringen genau jene interdisziplinären Perspektiven mit, die moderne Softwareentwicklung benötigt.
Dein Quereinstieg in die IT: Unser Konzept für Studentinnen
WiSE bietet einen doppelten Nutzen: Studentinnen aus verschiedenen Disziplinen erhalten Zugang zur IT-Branche, während interessierte Unternehmen von interdisziplinär ausgebildeten Nachwuchskräften profitieren.
WiSE online Lerneinheiten
Dieses Format ermöglicht einen niedrigschwelligen, leichtgewichtigen und flexiblen Zugang zu allen Inhalten – unabhängig von Ort und Studienphase. Vermittelt werden sowohl software-technische Hard Skills als auch Soft Skills. Die Lerneinheiten zu den Hard Skills führen fachfremde Studentinnen systematisch durch alle Phasen des Software-Entwicklungszyklus (SDC = Software Development Cycle) und vermitteln somit das notwendige technische Know-how für verschiedene Tätigkeitsfelder und -profile: Projektmanagement, Anforderungserhebung, nutzerzentriertes Design, Entwicklung (Systementwurf und Systemarchitektur) sowie Softwaretesting. Zudem lernt ihr typisches Alltagsvokabular für die interdisziplinäre Zusammenarbeit kennen.
Interdisziplinarität stärkt nicht nur das Produkt, sondern vor allem auch die Zusammenarbeit im Team, weshalb die Lernmodule zu den Soft Skills gezielt auf die Herausforderungen interdisziplinärer Teamarbeit vorbereiten und Kompetenzen in folgenden Bereichen vermitteln:
- Unbewusste Vorurteile und Denkmuster gegenüber anderen Disziplinen erkennen und abbauen.
- Privilegien und Machtdynamiken in Teams verstehen und reflektieren.
- Eine »gemeinsame Sprache« und Ebene zur Verständigung finden und damit effektiv über Disziplingrenzen hinweg kommunizieren.
- Gegen äußere und innere Widerstände stabil bleiben und sich nicht sofort von eigenen Ideen abbringen lassen.
- Konstruktiv mit unterschiedlichen Perspektiven und Diversität umgehen.
- Neue Führungsstile entdecken.
WiSE Aktivierungsworkshops
Die Lerneinheiten bieten die ideale Grundlage für die sogenannten Aktivierungsworkshops, in denen Theorie auf Praxis trifft und Studentinnen und Unternehmen zusammengebracht werden. Hier können die Studentinnen ihr neu erworbenes Wissen in einem praktischen Beispiel anwenden und ihre Kompetenzen unter Beweis stellen. Die Unternehmen können beobachten, wie eine ihrer realen Problemstellungen von einem interdisziplinären Team bearbeitet und gelöst wird. Jeder Workshop wird auf die spezifischen Bedürfnisse des beteiligten Unternehmens und den jeweiligen Branchenfokus abgestimmt.
Erfolgsbilanz WiSE: Wie interdisziplinäre Teams die Praxis bereichern
Bisher blicken wir in WiSE auf über 20 Online-Sessions zurück. Das Feedback der Studentinnen zeigt uns, dass wir einen wichtigen Beitrag dazu leisten, wie zugänglich die Tech-Branche wahrgenommen wird. Dabei ist es jedoch gar nicht immer ein Quereinstieg in die IT, der sich für die Studentinnen ergeben sollte. Stattdessen kann es sich je nach Unternehmen und Fachabteilung, und den dort benötigten Kompetenzen und Fähigkeiten, auch nur um einen Einstieg handeln.
Auch die Aktivierungsworkshops zeigen ihren gewünschten Erfolg. In einem Workshop mit Porsche Informatik bestätigte sich: Studierende aus Informatik und Nicht-Informatik können einiges voneinander lernen. Das von Porsche eingebrachte praktische Beispiel, »Verbesserung der Nutzererfahrung von Werkstattbesuchen« gab den Studentinnen Einblick in die reale Unternehmenswelt rund um digitale Produkte und Services. Von der Gruppendynamik bis hin zur Problemlösung – Fähigkeiten, Sichtweisen und Domänenwissen ergänzen sich.

Haben wir dein Interesse geweckt? Hier gehts zur Anmeldung zu den Lerneinheiten und Aktvierungsworkshops.
Noch unsicher? Dann folg uns gern auf Instagram und schau dich gern erstmal um: @projekt.wise
Sie sind Teil eines Unternehmens und haben Interesse? Dann schreiben Sie uns gerne an hey@projektwise.de
Quellen
[1] ACM (Association for Computing Machinery) (2018). ACM Code of Ethics and Professional Conduct.
[2] Gesellschaft für Informatik (GI) (2021). Ethische Leitlinien der Gesellschaft für Informatik e.V. Bonn.
[3] IEEE (2019). Ethically Aligned Design: A Vision for Prioritizing Human Well-being with Autonomous and Intelligent Systems. IEEE Global Initiative on Ethics of Autonomous and Intelligent Systems.
[4] European Commission (2019). Ethics Guidelines for Trustworthy AI. High-Level Expert Group on Artificial Intelligence. Brussels.
[5] Shneiderman, B. (2020). Human-Centered AI. Oxford University Press
[6]Mensch und Computer 2025 – Usability Professionals: Mehr als nur Code und Design
[7] German UPA e.V. (2025): Branchenreport User Experience 2025.
[8] Jungert, Michael (Hg.) (2010): Interdisziplinarität. Theorie, Praxis, Probleme. Darmstadt: Wiss. Buchges., [Abt. Verl.].
[9] Interdisziplinäre Forschung als Basis nachhaltiger Entscheidungsprozesse in der Softwareentwicklung. Siehe hier insbesondere: Meise, Bianca, Yevgen Mexin, Franziska Schloots, Björn Senft, and Anastasia Wawilow. „Interdisziplinäre Forschung als Basis nachhaltiger Entscheidungsprozesse in der Softwareentwicklung.“
[10] Chaos Report — why this study about IT project management is so unique
[11] Why Do Software Development Projects Fail?
[12] Bitkom, Presseinformation 08/2025: In Deutschland fehlen weiterhin mehr als 100.000 IT-Fachkräfte
