DENIT

Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE

Referenzprojekt Proassist4life Westpfalz-Klinikum

DENIT – Deutsches Zentrum für Notfallmedizin und Informationstechnologie

Zeitkritische und versorgungsintensive Notfälle ereignen sich täglich zu Hunderten. Insgesamt gibt es jeden Tag rund 6.000 Notarzteinsätze in Deutschland – doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Die Bundesrepublik verfügt über ein flächendeckendes Rettungswesen mit vergleichsweise kurzen Eintreffzeiten. trotzdem ist ein effizienter Rettungseinsatz in vielen Fällen längst nicht garantiert. So vergehen in der Einsatzstelle oft viele wertvolle Minuten, bis eine geeignete Klinik gefunden werden kann. Zudem werden Patienten aus Unkenntnis oder auch behelfsmäßig in Krankenhäuser transportiert, die zwar nahe, aber bezüglich der gestellten Diagnose nicht optimal ausgestattet sind. Grund dafür ist unter anderem, dass die Transportzeiten schwer abzuschätzen sind, das Abfragen weiterer zur Verfügung stehender Kliniken langwierig ist und die dabei erhaltenen Informationen oft unvollständig sind.

Im Einsatz gemachte Erfahrungen werden zudem selten genutzt, um die erkannten Lücken in den Rettungsprozessen zu schließen. Da in der Regel nur handschriftlich auf Papier dokumentiert wird, findet eine standardisierte Analyse der Einsätze unter Gesichtspunkten des Qualitätsmanagements kaum statt.

Viele dieser kritischen »Lücken« ließen sich durch den gezielten Einsatz zeitgemäßer Technik fast nahtlos schließen. In der optimierten Rettungskette vom Notarzt bis zur Klinik spielt dabei die Informations- und Kommunikationstechnologie eine zentrale Rolle. Das Fraunhofer IESE hat deshalb mit dem Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern das DENIT eingerichtet, um ablaufsichere Prozessketten, hochzuverlässige Systemarchitekturen sowie leistungsstarke Infrastrukturen für Logistik und Kommunikation im Rettungswesen zu erforschen und in die notfallmedizinische Praxis zu übertragen.

Der Aufbau von Datenbanken für rettungsdienstliche Einsatzdaten steht am Anfang der geplanten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten. Durch eine georeferenzielle Darstellung des Einsatzgeschehens, medizinische und epidemiologische Kenngrößen und Benchmarking der Behandlungsqualität bei Notarzt- und Rettungsdiensteinsätzen steht damit eine Basis für eine umfassende Analyse von Struktur- und Prozessdaten sowie für die Versorgungsforschung zur Verfügung. Ein weiteres Ziel ist die Integration eines zentralen klinischen Ressourcennachweises in ein interaktives elektronisches Einsatzdokumentationssystem. Dieses verknüpft Parameter wie den Notfallort, die Diagnose und die aktuelle Behandlungskapazität möglicher Zielkliniken ebenso wie die voraussichtlichen Eintreffzeiten in Abhängigkeit von Tageszeit, Witterung, Verkehrsführung und notwendigem klinischem Versorgungsniveau. Da insbesondere in ländlichen Bereichen immer weniger Notärzte rasch verfügbar sind, gewinnt zugleich die Entscheidungsunterstützung des am Einsatzort häufiger und länger autonom tätigen Rettungsfachpersonals an Bedeutung. Neben der IT-unterstützten Anwendung standardisierter Verfahrensabläufe muss deshalb mittelfristig auch eine telemedizinische Beratung möglich werden, die eine Videotelefonieverbindung zwischen Notfallort und Zielklinik ermöglicht. Komplexe Notfallszenarien werden damit augenscheinlich und können besser verstanden werden.

Die Optimierung der Schnittstelle zwischen Rettungsdiensten und Kliniken schließt sich unmittelbar daran an. Damit würde die Kompatibilität von Rettungsdienstprotokollen mit Klinikinformationssystemen gewährleistet und eine telemedizinische Vernetzung durch Übertragung wichtiger Einsatzdaten ermöglicht. Neben der technischen Entwicklung müssen jedoch auch die Finanzierung und rechtliche Stellung solcher Systeme geklärt werden. Diese Fragen sind angesichts der ausgeprägt parzellierten legislativen und organisatorischen Zuständigkeiten möglicherweise die entscheidende Herausforderung auf dem Weg zu einer effizienteren notfallmedizinischen Versorgung.

Parallel dazu wird DENIT weitere Dienstleistungen für Industrie und öffentliche Hand erbringen. Dazu zählen beispielsweise der Technologietransfer auf dem Gebiet des Software und Systems Engineering. Für das Rettungswesen sollen zudem spezielle Schulungs- und Ausbildungsmaßnahmen (z. B. Serious Games) entwickelt werden.

Dieses Projekt wird gemeinsam vom Ministerium für Erziehung, Wissenschaft, Jugend und Kultur und dem Ministerium des Innern, für Sport und Infrastruktur des Landes Rheinland-Pfalz gefördert. Der operative Kooperationspartner ist die Westpfalz-Klinikum GmbH.